Mathematik lernen · Klasse 10 bis Studium

Folgen und Grenzwerte

Eine Folge ist eine Liste von Zahlen, und ihr Grenzwert sagt, wohin sie auf lange Sicht läuft. Du lernst, Folgen zu beschreiben, Grenzwerte zu berechnen, die Epsilon-Definition zu verstehen und Reihen wie die geometrische Reihe zu summieren.

Eine Folge ist eine geordnete Liste von Zahlen a1,a2,a3,…. Die tiefgestellte Zahl heißt Index, sie zählt die Glieder durch. Der Grenzwert einer Folge ist die Zahl, der sich die Glieder auf lange Sicht beliebig genau nähern. Er ist der Grundbegriff der Analysis, denn auf ihm bauen Ableitung und Integral auf.

Diese Seite vertieft den Abschnitt aus der Analysis. Zahlenmuster zum Fortsetzen findest du auf der Seite Zahlen, die Frage, warum 0,999… gleich 1 ist, im Beitrag 0,999… = 1. Zum Rechnen hilft der Folgenrechner, zum Üben das Arbeitsblatt Zahlenfolgen.

Folgen beschreiben: explizit und rekursiv

Eine Folge lässt sich auf zwei Arten angeben. Bei der expliziten Form berechnest du jedes Glied direkt aus seinem Index, bei der rekursiven Form aus dem Vorgänger.

Beispiele für Folgen
FormVorschrifterste Glieder
explizitan=2n−11, 3, 5, 7, 9, …
explizitan=n21, 4, 9, 16, 25, …
explizitan=1n1; 0,5; 0,33; 0,25; 0,2; …
rekursiva1=2, an+1=an+32, 5, 8, 11, 14, …
rekursiva1=3, an+1=2an3, 6, 12, 24, 48, …

Die explizite Form ist bequem, wenn du ein weit entferntes Glied brauchst. Die rekursive Form beschreibt oft einen Vorgang, etwa wie sich ein Bestand von Schritt zu Schritt ändert. Das berühmteste Beispiel ist die Folge von Fibonacci mit fn+2=fn+1+fn: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, …

Arithmetische und geometrische Folgen

Zwei Typen kommen besonders oft vor:

  • Bei einer arithmetischen Folge ist die Differenz d aufeinanderfolgender Glieder konstant: an=a1+(n−1)d. Die Summe der ersten n Glieder ist sn=n(a1+an)2.
  • Bei einer geometrischen Folge ist der Quotient q konstant: an=a1·qn−1. Für q≠1 ist sn=a1·qn−1q−1.

Monotonie und Beschränktheit

Zwei Eigenschaften beschreiben, wie sich eine Folge grob verhält:

  • Monoton steigend heißt an+1≥an für alle n, monoton fallend heißt an+1≤an. Zum Prüfen bildest du die Differenz an+1−an und untersuchst ihr Vorzeichen.
  • Beschränkt heißt: Es gibt Zahlen s und S mit s≤an≤S für alle n.
Monotonie und Beschränktheit von Beispielfolgen
FolgeMonotonieBeschränktheit
an=1nfallendbeschränkt: 0<an≤1
an=n2steigendnach unten, nicht nach oben beschränkt
an=(−1)nnicht monotonbeschränkt: −1≤an≤1
an=2−3nsteigendbeschränkt: −1≤an<2

Bei an=2−3n ist an+1−an=3n−3n+1=3n(n+1)>0, die Folge steigt also.

Der Grenzwert: erst anschaulich, dann mit ε

Anschaulich nähert sich an=2−3n der Zahl 2: Die Glieder sind −1; 0,5; 1; 1,25; 1,4; … und wachsen auf 2 zu, ohne die 2 je zu erreichen. Man schreibt limn→∞an=2. Um das genau zu sagen, legst du einen Streifen der Breite ε (Epsilon) um die 2:

2 4 6 8 10 12 14 16 −1 1 2 ab n = 7 ab n = 13 Grenzwert 2 n aₙ Streifen ε = 0,5 (1,5 bis 2,5) Streifen ε = 0,25 (1,75 bis 2,25)
Die Folge an = 2 − 3 : n hat den Grenzwert 2. Je schmaler der Streifen um den Grenzwert, desto später liegen alle Folgenglieder darin: ab n = 7 für ε = 0,5 und ab n = 13 für ε = 0,25.

Zu jedem noch so schmalen Streifen gibt es einen Index, ab dem alle weiteren Glieder im Streifen liegen. Wegen |an−2|=3n liegt an im Streifen, wenn 3n<ε gilt, also für n>3ε.

Wie weit muss man gehen? Folge an=2−3n
ε0,50,250,10,01
ab dem Index N71331301

Der Index N hängt von ε ab: Je kleiner ε ist, desto weiter muss man gehen. Mit dieser Sprache fasste Cauchy den Grenzwert streng, und Weierstraß machte sie zur heutigen Epsilon-Schreibweise. Eine Folge hat höchstens einen Grenzwert.

Grenzwertsätze

Du musst nicht jeden Grenzwert mit ε beweisen. Wenn an→a und bn→b gilt, folgen die Grenzwertsätze:

  • an±bn→a±b
  • c·an→c·a und an·bn→a·b
  • anbn→ab, falls b≠0 ist (und bn≠0)

Bei Brüchen aus Polynomen in n kürzt du mit der höchsten Potenz von n. Die Faustregel steht in der Tabelle.

Brüche aus Polynomen in n
Vergleich der Grade (Zähler : Nenner)GrenzwertBeispiel
kleiner02n+1n2+1→0
gleichQuotient der Leitkoeffizienten3n2+n2n2−1→32
größerkeiner, die Folge wächst über alle Grenzenn3+1n2+2n

Wichtige Grenzwerte

Grenzwerte, die du kennen solltest
FolgeVerhalten
1nk mit k>0Grenzwert 0
qn mit |q|<1Grenzwert 0
qn mit q=1konstant 1
qn mit q>1wächst über alle Grenzen, divergent
qn mit q≤−1springt hin und her, divergent
(1+1n)nGrenzwert e≈2,71828

Die Folge (1+1n)n führt zur Eulerschen Zahl e. Die Glieder wachsen, bleiben aber unter 3:

Die Folge (1+1n)n
n1210100100010000
Wert22,252,59372,70482,71692,7181

Sie entstand bei der Verzinsung: Verzinst du 1 € mit 100 % pro Jahr und teilst das Jahr in n Teile, die jeweils verzinst werden, wächst der Betrag auf (1+1n)n. Diese Rechnung stammt von Jacob Bernoulli (1683). Bei 5 % Jahreszins und monatlicher Verzinsung werden aus 1000 € nach einem Jahr 1000·(1+0,0512)12≈1051,16 €, bei stetiger Verzinsung 1000·e0,05≈1051,27 €. Mehr dazu steht bei der Exponentialfunktion.

Konvergenz und Divergenz

Nicht jede Folge hat einen Grenzwert. Eine divergente Folge kann bestimmt divergent sein (an=n2 wächst über alle Grenzen) oder unbestimmt divergent (an=(−1)n springt hin und her). Ein nützliches Kriterium sagt, wann ein Grenzwert sicher existiert:

Für die Folge an=2−3n stimmt das: Sie steigt und bleibt unter 2. Das Kriterium sagt allerdings nur, dass ein Grenzwert existiert, nicht, welcher.

Ähnlich verhalten sich die Quotienten aufeinanderfolgender Fibonacci-Zahlen: fn+1fn ergibt 1; 2; 1,5; 1,667; 1,6; 1,625; 1,615; 1,619; … und strebt gegen den goldenen Schnitt 1+52≈1,618.

Reihen und die geometrische Reihe

Eine Reihe entsteht, wenn du die Glieder einer Folge addierst. Die Partialsummen sn=a1+a2+…+an bilden selbst eine Folge. Konvergiert sie, heißt ihr Grenzwert die Summe der Reihe: ∑k=1∞ak=limn→∞sn.

Die wichtigste Reihe ist die geometrische Reihe. Für |q|<1 gilt

∑k=0∞qk=1+q+q2+…=11−q.

Das folgt aus der Summenformel sn=1−qn1−q, denn qn→0. Für |q|≥1 divergiert die Reihe.

1/2 1/4 1/8 1/16 1/32 1/2 + 1/4 + 1/8 + … = 1
Die geometrische Reihe 1/2 + 1/4 + 1/8 + … im Quadrat: Jedes neue Stück ist halb so groß wie das vorige, und zusammen füllen die Stücke das Quadrat mit der Fläche 1 vollständig aus.

Mit dieser Rechnung löst sich auch das Rätsel von Zenon: Achilles legt die Teilstrecken 12,14,18,… einer Strecke zurück, und ihre Summe ist endlich.

Achtung: Aus an→0 folgt nicht, dass die Reihe konvergiert. Die harmonische Reihe 1+12+13+… divergiert, obwohl 1n→0 gilt. Ihre Partialsummen wachsen sehr langsam: s10≈2,93, s100≈5,19, s1000≈7,49 und s1000000≈14,39.

Ausblick: Grenzwerte von Funktionen

Der Grenzwert einer Folge lässt sich auf Funktionen übertragen. limx→af(x)=g bedeutet: Für jede Folge xn→a (mit xn≠a) gilt f(xn)→g. So ist limx→0sinxx=1, denn für x=0,1 ergibt sich 0,99833 und für x=0,01 der Wert 0,99998. Auch limx→∞(1+1x)x=e. Mit Grenzwerten von Funktionen werden Stetigkeit und Ableitung definiert, die Ableitung als Grenzwert des Differenzenquotienten.

Typische Fehler

Übungen

Geschichte: von Zenon bis Weierstraß

Schon Zenon von Elea stieß um 450 v. Chr. auf unendliche Summen. Archimedes füllte das Parabelsegment mit Dreiecken, deren Flächen eine geometrische Reihe mit q=14 bilden, und kam auf den Wert 43 des größten Dreiecks. Die Zahl e entdeckte 1683 Jacob Bernoulli bei der Verzinsung.

Die moderne Fassung stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Bernard Bolzano und Augustin-Louis Cauchy beschrieben Folgen und Grenzwerte, Cauchy tat es 1821 im Cours d’analyse. Die heutige Epsilon-Sprache wurde in Weierstraß’ Berliner Vorlesungen ausgearbeitet.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Folge und Reihe?

Eine Folge ist eine Liste von Zahlen. Eine Reihe ist die Folge der Teilsummen, die du aus den Gliedern bildest. Die Reihe beantwortet, was herauskommt, wenn du alle Glieder addierst.

Ist 0,999… wirklich gleich 1?

Ja. Die Zahl 0,999… ist als Summe der geometrischen Reihe 910+9100+… definiert, und diese Summe ist 1. Es gibt keine Zahl zwischen 0,999… und 1.

Kann eine Folge zwei Grenzwerte haben?

Nein. Läge sie ab einem Index beliebig nah an zwei verschiedenen Zahlen, wäre das ein Widerspruch. Ein Grenzwert ist eindeutig.

Muss eine konvergente Folge monoton sein?

Nein. Die Folge an=(−1)nn pendelt um 0 und konvergiert trotzdem gegen 0. Monoton und beschränkt ist nur eine hinreichende Bedingung für Konvergenz, keine notwendige.

Quellen und weiterführende Literatur