Mathematik lernen · Klasse 5–10

Geometrie

Von der Geraden bis zur Kugel: Du lernst Winkel, Dreiecke, Vierecke, Kreis und Körper kennen, rechnest mit Pythagoras und Thales und erfährst, wie Ägypter, Euklid und Archimedes die Geometrie schufen.

Geometrie
Bild: René Descartes, Public domain · Wikimedia Commons

Die Geometrie (griechisch geometria, „Erdmessung“) beschäftigt sich mit Formen, Lagen und Größen: mit Punkten, Linien, Winkeln, Flächen und Körpern. Sie beantwortet Fragen aus dem Alltag. Wie viel Farbe brauchst du für eine Wand? Wie lang ist die Diagonale eines Fußballfelds? Wie viel Wasser passt in einen Tank?

Schon vor rund 4.000 Jahren mussten Menschen Felder vermessen und Bauwerke planen. Hier bekommst du einen Überblick über den Stoff der Klassen 5 bis 10, von der Geraden bis zur Kugel. Jeder Abschnitt hat ein Beispiel und eine kleine Übung. Am Ende erfährst du, wie die Geometrie in Ägypten begann und warum sie im 19. Jahrhundert eine überraschende Wendung nahm.

Punkte, Geraden und Strecken

Alles beginnt mit dem Punkt. Er hat keine Ausdehnung, er markiert nur einen Ort. Schon Euklid beschrieb ihn als etwas, das keine Teile hat. Zwei verschiedene Punkte A und B legen genau eine Gerade fest, die in beide Richtungen unendlich weit reicht. Das Stück zwischen A und B heißt Strecke. Ein Strahl beginnt in A und läuft unendlich weit durch B.

Zwei Geraden, die sich nie treffen, heißen parallel. Schneiden sie sich in einem rechten Winkel, stehen sie senkrecht (orthogonal) aufeinander. Der Abstand eines Punktes von einer Geraden ist die Länge der kürzesten Verbindung, und die steht immer senkrecht auf der Geraden.

Winkel: Arten und Winkelsumme

Ein Winkel entsteht, wenn zwei Strahlen im selben Punkt beginnen, dem Scheitelpunkt. Er sagt dir, wie weit du den einen Strahl drehen musst, bis er auf dem anderen liegt. Gemessen wird in Grad (°), eine volle Umdrehung hat 360°. Diese Zahl stammt aus Babylon, wo man mit Sechzigerzahlen rechnete. Sie ist praktisch, denn 360 hat 24 Teiler.

Die sechs Winkelarten
WinkelartGrößeBeispiel
spitzer Winkel0°<α<90°schmales Tortenstück
rechter Winkelα=90°Ecke eines Blattes
stumpfer Winkel90°<α<180°Uhrzeiger um 4 Uhr (120°)
gestreckter Winkelα=180°gerade Linie
überstumpfer Winkel180°<α<360°angeschnittene Pizza, großer Teil
Vollwinkelα=360°ganze Umdrehung

Winkel an Geraden

Schneiden sich zwei Geraden, entstehen vier Winkel. Gegenüberliegende sind gleich groß, das sind die Scheitelwinkel. Nebeneinanderliegende ergänzen sich zu 180°, das sind Nebenwinkel. Schneidet eine Gerade zwei Parallelen, wiederholen sich die Winkel an beiden Schnittpunkten: Stufenwinkel und Wechselwinkel sind gleich groß.

g h α β Nebenwinkel α Stufenwinkel α Wechselwinkel
Die Parallelen g und h werden von einer dritten Geraden geschnitten: Stufen- und Wechselwinkel sind gleich groß, Nebenwinkel ergänzen sich zu 180°.

Die Winkelsumme

Im Dreieck gilt eine Regel ohne Ausnahme: Die drei Innenwinkel ergeben zusammen 180°. Zeichne durch eine Ecke die Parallele zur gegenüberliegenden Seite. Mit den Wechselwinkeln liegen dann alle drei Winkel nebeneinander und bilden einen gestreckten Winkel. Ein Viereck zerlegst du in zwei Dreiecke, es hat also 360°. Allgemein besteht ein n-Eck aus n − 2 Dreiecken.

Dreiecke: Arten, Pythagoras und Thales

Dreiecksarten und Flächeninhalt

Jede geradlinig begrenzte Fläche lässt sich in Dreiecke zerlegen, deshalb ist das Dreieck die wichtigste Figur. Nach den Seiten unterscheidest du gleichseitige Dreiecke (alle Seiten gleich, alle Winkel 60°), gleichschenklige (zwei gleich lange Schenkel, gleiche Basiswinkel) und ungleichseitige. Nach den Winkeln gibt es spitzwinklige, rechtwinklige (ein Winkel 90°) und stumpfwinklige Dreiecke (ein Winkel über 90°).

Den Flächeninhalt berechnest du aus einer Seite g und der zugehörigen Höhe h. Das Dreieck ist genau halb so groß wie das Rechteck mit denselben Maßen.

Der Satz des Pythagoras

Im rechtwinkligen Dreieck heißen die beiden Seiten am rechten Winkel Katheten (a und b). Die längste Seite liegt dem rechten Winkel gegenüber und heißt Hypotenuse (c). Der Satz des Pythagoras verbindet die drei Längen: Die Quadrate über den Katheten haben zusammen genau die Fläche des Quadrats über der Hypotenuse.

a = 3 a² = 9 b = 4 b² = 16 c = 5 c² = 25 C A B
Das Dreieck mit den Seiten 3, 4 und 5 und die Quadrate über seinen Seiten: Es gilt 9 + 16 = 25.

Der Satz des Thales

Zeichne einen Kreis mit dem Durchmesser AB und wähle einen weiteren Punkt C auf dem Kreis. Egal, wo C liegt: Der Winkel bei C ist immer genau 90°. Das ist der Satz des Thales, der Winkel im Halbkreis.

α β α β A B C M 90°
Der Thaleskreis: Für jeden Punkt C auf dem Kreis über AB ist der Winkel bei C ein rechter. Die Radien MA, MB und MC sind gleich lang.

Der Beweis ist kurz. MA, MB und MC sind Radien und damit gleich lang, also sind die Dreiecke AMC und MBC gleichschenklig, mit den Basiswinkeln α und β. Im großen Dreieck gilt α+β+(α+β)=180°, also α+β=90°. Das ist genau der Winkel bei C.

Vierecke im Überblick

Ein Viereck hat vier Ecken und die Winkelsumme 360°. Je mehr Besonderheiten es hat, desto mehr Formeln kannst du nutzen.

Wichtige Vierecke mit Fläche und Umfang
ViereckMerkmalFlächeUmfang
Quadratvier gleiche Seiten, vier rechte Winkela24a
Rechteckvier rechte Winkela·b2(a+b)
ParallelogrammGegenseiten parallelg·h2(a+b)
Rautevier gleiche Seitene·f24a
Trapezein Paar paralleler Seiten (a, c)a+c2·ha+b+c+d
Drachenzwei Paare gleicher Nachbarseitene·f22(a+b)

Bei Raute und Drachen sind e und f die Diagonalen, die senkrecht aufeinander stehen. Parallelogramm und Trapez sind Umbauten des Rechtecks: Ein abgeschnittenes Dreieck wandert auf die andere Seite, und zwei gleiche Trapeze ergeben zusammen ein Parallelogramm.

Der Kreis: Umfang, Fläche und die Zahl π

Ein Kreis besteht aus allen Punkten, die von einem Mittelpunkt M denselben Abstand r haben, den Radius. Ein Durchmesser führt durch M von Rand zu Rand: d=2r. Verbindest du zwei Randpunkte, erhältst du eine Sehne. Eine Gerade, die den Kreis nur in einem Punkt berührt, ist eine Tangente.

M r Durchmesser d Tangente Sehne Sektor Kreisbogen
Begriffe am Kreis: Radius, Durchmesser, Sehne, Tangente (senkrecht zum Radius), Kreisbogen und Sektor.

Die Kreiszahl π

Teilst du den Umfang eines beliebigen Kreises durch seinen Durchmesser, erhältst du immer dieselbe Zahl, bei einer Münze ebenso wie bei der Erdbahn. Sie heißt π (Pi) und beginnt mit 3,14159… Sie lässt sich nie als Bruch schreiben, ihre Nachkommastellen brechen nie ab und wiederholen sich nie. Johann Heinrich Lambert bewies 1761, dass π keine Bruchzahl ist.

Flächen- und Volumenformeln im Überblick

Körper haben zwei wichtige Maßzahlen. Das Volumen V sagt, wie viel hineinpasst (cm³, m³). Die Oberfläche O ist die Summe aller Begrenzungsflächen (cm², m²). Bei Zylinder, Kegel und Pyramide ist der Mantel M die Seitenfläche ohne Grund- und Deckfläche.

Volumen und Oberfläche der wichtigsten Körper
KörperMaßeVolumen VOberfläche O
WürfelKante aa36a2
QuaderKanten a, b, ca·b·c2(ab+ac+bc)
ZylinderRadius r, Höhe hπr2h2πr2+2πrh
KegelRadius r, Höhe h, Mantellinie s13πr2hπr2+πrs
PyramideGrundfläche G, Höhe h13GhG+M
KugelRadius r43πr34πr2

Beim Kegel ist die Mantellinie s die Strecke von der Spitze zum Rand der Grundfläche, nach Pythagoras gilt s=r2+h2. Zur Umrechnung merkst du dir: 1 m2=10.000 cm2, 1 m3=1.000.000 cm3 und 1 l=1 dm3=1.000 cm3.

Kongruenz und Ähnlichkeit

Zwei Figuren sind kongruent (deckungsgleich), wenn du die eine durch Verschieben, Drehen und Spiegeln genau auf die andere legen kannst. Bei Dreiecken genügen drei passende Stücke. Die Kongruenzsätze sagen, welche:

Die Kongruenzsätze für Dreiecke
SatzÜbereinstimmung in
SSSallen drei Seiten
SWSzwei Seiten und dem eingeschlossenen Winkel
WSWeiner Seite und den beiden anliegenden Winkeln
SsWzwei Seiten und dem Winkel gegenüber der längeren Seite

Liegt der Winkel der kürzeren Seite gegenüber, kann es zwei verschiedene Dreiecke geben.

Zwei Figuren sind ähnlich, wenn sie dieselbe Form haben, aber verschieden groß sein dürfen, wie ein Foto und seine Vergrößerung. Man erhält die eine aus der anderen durch eine zentrische Streckung mit dem Streckfaktor k. Zwei Dreiecke sind schon ähnlich, wenn sie in zwei Winkeln übereinstimmen.

Z A B C A′ B′ C′ Streckfaktor k = 2 Längen: mal 2 Winkel: unverändert Fläche: mal 4
Zentrische Streckung vom Zentrum Z aus mit dem Faktor 2: Das Bild A′B′C′ ist dem Dreieck ABC ähnlich.

Symmetrie: Spiegeln, Drehen, Verschieben

Eine Figur ist achsensymmetrisch, wenn du sie an einer Geraden, der Symmetrieachse, so spiegeln kannst, dass sie auf sich selbst fällt. Sie ist punktsymmetrisch, wenn sie nach einer halben Drehung (180°) um einen Punkt wieder genauso aussieht. Spiegeln, Drehen und Verschieben verändern weder Längen noch Winkel.

Symmetrien wichtiger Figuren
FigurSymmetrieachsenpunktsymmetrisch
gleichseitiges Dreieck3nein
Quadrat4ja
Rechteck (kein Quadrat)2ja
Parallelogramm (kein Rechteck, keine Raute)0ja
Kreisunendlich vieleja

Geschichte: von der Feldvermessung zu gekrümmten Räumen

Ägypten: Geometrie für die Felder

Nach dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot musste man in Ägypten nach den jährlichen Nilfluten die Felder neu vermessen. Tatsächlich zeigt die ägyptische Mathematik viel praktische Geometrie. Der Papyrus Rhind (um 1550 v. Chr.) berechnet Flächen von Dreiecken, Rechtecken und Kreisen. Seine Kreisregel lautet: Ziehe vom Durchmesser den neunten Teil ab und quadriere das Ergebnis. Für den Durchmesser 9 erhält man 82=64. Das entspricht π≈25681≈3,16, erstaunlich nah an der Wahrheit.

Thales und Pythagoras: aus Regeln werden Beweise

Im 6. Jahrhundert v. Chr. änderte sich etwas Entscheidendes. Thales von Milet soll als Erster geometrische Aussagen begründet haben. Überliefert wird, dass er die Höhe einer Pyramide aus ihrem Schatten bestimmte, ähnlich wie bei dem Baum im Beispiel oben. Wenig später gründete Pythagoras in Süditalien eine Schule, in der Zahlen und Figuren als Schlüssel zur Welt galten. Beide stehen am Anfang der griechischen Mathematik, in der nicht mehr „stimmt in Beispielen“ zählte, sondern der Beweis.

Euklid: Geometrie als lückenloses Gebäude

Um 300 v. Chr. fasste Euklid in Alexandria das Wissen seiner Zeit in 13 Büchern zusammen, den Elementen. Er ging von wenigen Grundannahmen aus und leitete daraus Satz für Satz alles andere ab. Dieses Muster aus Axiom, Satz und Beweis prägt die Mathematik bis heute. Besonders auffällig war das fünfte Postulat, das Parallelenpostulat: Durch einen Punkt außerhalb einer Geraden gibt es genau eine Parallele zu ihr. Viele versuchten vergeblich, es zu beweisen.

Archimedes: Kreis, Kugel und π

Archimedes von Syrakus (ca. 287–212 v. Chr.) schloss den Kreis mit Vielecken von innen und außen ein. Mit 96-Ecken kam er auf 22371<π<227, das ist 3,1408<π<3,1429. Außerdem fand er Volumen und Oberfläche der Kugel.

Nichteuklidische Geometrie: wenn Parallelen anders funktionieren

Im frühen 19. Jahrhundert gelang etwas, womit niemand gerechnet hatte. Nikolai Lobatschewski und János Bolyai bauten unabhängig voneinander eine widerspruchsfreie Geometrie, in der durch einen Punkt mehrere Parallelen zu einer Geraden verlaufen. Das Parallelenpostulat ist also nicht beweisbar, es ist eine echte Annahme. 1854 entwarf Bernhard Riemann allgemeine gekrümmte Räume. Auf der Kugeloberfläche gibt es gar keine Parallelen. Diese Ideen lieferten später das Werkzeug für Einsteins allgemeine Relativitätstheorie.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Umfang und Flächeninhalt?

Der Umfang ist die Länge der Randlinie (cm oder m), der Flächeninhalt misst die Fläche innerhalb des Rands (cm² oder m²). Ein Zaun braucht den Umfang, ein Rasen den Flächeninhalt.

Was ist der Unterschied zwischen Geometrie und Trigonometrie?

Die Geometrie untersucht Formen und ihre Eigenschaften. Die Trigonometrie rechnet zusätzlich mit Sinus, Kosinus und Tangens, um Winkel und Seiten im Dreieck aus wenigen Angaben zu bestimmen. Mit Koordinaten arbeitest du bei den Vektoren.

Quellen und weiterführende Literatur