Mathematik lernen · Oberstufe, Studium
Komplexe Zahlen
Was ist die Wurzel aus minus 1? Du lernst die imaginäre Einheit i, das Rechnen mit komplexen Zahlen, ihre Darstellung als Punkte in der Ebene und in Polarform, das Multiplizieren als Drehstreckung, Potenzen, Wurzeln und quadratische Gleichungen ohne reelle Lösung.

Eine komplexe Zahl ist eine Zahl der Form mit zwei reellen Zahlen a und b. Dabei ist i die imaginäre Einheit, eine neue Zahl mit der Eigenschaft . Sie wurde erfunden, weil Gleichungen wie in den reellen Zahlen keine Lösung haben. Mit den komplexen Zahlen hat jede solche Gleichung eine.
Du lernst hier, wie du mit komplexen Zahlen rechnest, wie du sie als Punkte in einer Ebene zeichnest und wie Multiplizieren zu einer Drehung wird. Am Ende lösen wir mit ihnen quadratische Gleichungen mit negativer Diskriminante. Vorkenntnisse sind die Diskriminante und etwas Trigonometrie (Einheitskreis).
Die imaginäre Einheit
Kein reelles Quadrat ist negativ. Deshalb legt man fest: i ist eine Zahl mit . Mit ihr bilden die komplexen Zahlen alle Ausdrücke . Die Zahl a heißt Realteil (), die Zahl b Imaginärteil (). Der Imaginärteil ist die Zahl b selbst, nicht .
- hat Realteil 3 und Imaginärteil 2.
- ist eine reelle Zahl (Imaginärteil 0), ist rein imaginär (Realteil 0).
- Die Menge aller komplexen Zahlen heißt . Sie enthält .
Die Potenzen von i wiederholen sich nach vier Schritten: , , , , danach beginnt es von vorn. Um zu bestimmen, teilst du 27 durch 4: Es ist , also .
Rechnen mit komplexen Zahlen
Du rechnest wie mit Variablen und ersetzt am Ende durch .
Konjugierte Zahl und Division
Die konjugierte Zahl von ist . Das Vorzeichen des Imaginärteils wird gewechselt. Multiplizierst du eine Zahl mit ihrer Konjugierten, wird das Ergebnis reell:
Das nutzt du beim Dividieren: Du erweiterst den Bruch mit der Konjugierten des Nenners, wie beim Rationalmachen eines Nenners mit Wurzel.
Betrag und Gaußsche Zahlenebene
Weil eine komplexe Zahl aus zwei reellen Zahlen besteht, kannst du sie als Punkt (a|b) zeichnen. Die waagerechte Achse heißt reelle Achse, die senkrechte imaginäre Achse. Diese Ebene nennt man Gaußsche Zahlenebene. Die konjugierte Zahl liegt spiegelbildlich zur reellen Achse.
Der Betrag ist der Abstand des Punktes zum Ursprung. Nach dem Satz des Pythagoras ist . Es gilt . Die Addition verhält sich wie bei Pfeilen: Du hängst die Pfeile aneinander (Vektoren addieren).
Die zweite Zeile zeigt eine allgemeine Regel: . Beträge multiplizieren sich.
Polarform und Exponentialform
Einen Punkt kannst du auch durch seinen Abstand r vom Ursprung und den Winkel zur positiven reellen Achse angeben. Dann ist , und heißt Argument von z. Mit und folgt die Polarform.
Die zweite Schreibweise folgt aus der Eulerschen Formel (Eulersche Formel). Für ergibt sie , die berühmte Eulersche Identität .
| Zahl | Betrag r | Winkel |
|---|---|---|
| 1 | 0° | |
| 1 | 90° | |
| 1 | 180° | |
| 1 | 270° | |
| 45° | ||
| 135° | ||
| 225° | ||
| 315° |
Multiplizieren als Drehstreckung
In Polarform wird die Multiplikation einfach. Mit den Additionstheoremen für Sinus und Kosinus folgt . Also gilt:
Das Multiplizieren mit einer komplexen Zahl ist also eine Drehstreckung: Der Punkt wird um das Argument gedreht und um den Betrag gestreckt. Das Multiplizieren mit i (Betrag 1, Winkel 90°) ist eine reine Drehung um 90° gegen den Uhrzeigersinn. Aus wird .
Potenzen und die Formel von Moivre
Potenzieren ist wiederholtes Multiplizieren. Dabei wird der Betrag potenziert und der Winkel mit dem Exponenten multipliziert (Abraham de Moivre).
Auch die Potenzen von i von oben folgen daraus: i hat den Winkel 90°, also hat den Winkel .
Wurzeln und Einheitswurzeln
Die Gleichung hat in den komplexen Zahlen genau n Lösungen. Sie liegen auf einem Kreis um den Ursprung mit dem Radius und haben den Winkelabstand . Sie bilden die Ecken eines regelmäßigen n-Ecks.
Für heißen die Lösungen von die Einheitswurzeln. Sie liegen auf dem Einheitskreis. Die Summe aller n-ten Einheitswurzeln ist 0, denn das n-Eck hat seinen Schwerpunkt im Ursprung.
Quadratische Gleichungen ohne reelle Lösung
Bei gibt die Diskriminante die Zahl der reellen Lösungen an. Ist , schneidet die Parabel die x-Achse nicht. In den komplexen Zahlen gibt es trotzdem zwei Lösungen.
Sie sind zueinander konjugiert komplex: Hat eine Gleichung mit reellen Koeffizienten die Lösung , dann auch .
Diese Rechnung zeigt dir der Rechner für quadratische Gleichungen auch für negative Diskriminanten an. Für beliebige Rechnungen gibt es den Rechner für komplexe Zahlen.
Der Fundamentalsatz der Algebra
Ein Polynom hat in den reellen Zahlen oft weniger Nullstellen, als sein Grad angibt. In den komplexen Zahlen ist das anders.
Den ersten brauchbaren Beweis gab Carl Friedrich Gauß in seiner Doktorarbeit von 1799.
Typische Fehler
Übungen
Mehr Aufgaben findest du unter Komplexe Zahlen: Aufgaben.
Geschichte: von Cardano bis Gauß
Die Geschichte beginnt mit kubischen Gleichungen. Gerolamo Cardano suchte in seiner Ars magna (1545) zwei Zahlen mit der Summe 10 und dem Produkt 40. Er fand und und rechnete nach: Das Produkt ist . Er nannte das Ergebnis spitzfindig und nutzlos. Rafael Bombelli zeigte 1572 in seiner L’Algebra, dass solche Ausdrücke Regeln gehorchen und ein reelles Ergebnis liefern können, nämlich bei die Lösung 4.
René Descartes nannte solche Wurzeln in seiner La Géométrie (1637) „imaginär“. Leonhard Euler führte 1777 das Zeichen i ein (gedruckt 1794) und veröffentlichte 1748 seine Formel .
Wirklich verstanden wurden die komplexen Zahlen erst, als man sie zeichnen konnte. Der dänische Landvermesser Caspar Wessel trug die Idee 1797 der Dänischen Akademie vor (gedruckt 1799), Jean-Robert Argand veröffentlichte sie 1806, und Carl Friedrich Gauß beschrieb sie spätestens 1811 in einem Brief an Bessel. Mit seiner Arbeit von 1831 und dem Wort „komplexe Zahl“ setzte sich die Darstellung durch. 1833 begründete William Rowan Hamilton die komplexen Zahlen als Paare reeller Zahlen. Sein Versuch, Zahlen für den Raum zu finden, führte zu den Quaternionen.
Häufige Fragen
Ist die Wurzel aus −1 gleich i oder −i?
Beide, im Sinne der Gleichung: und . Man vereinbart , aber hat die Lösungen und .
Warum kann man komplexe Zahlen nicht der Größe nach ordnen?
Eine Ordnung müsste mit der Addition und Multiplikation verträglich sein. Dann wäre jedes Quadrat größer oder gleich 0, aber ist negativ. Du kannst nur Beträge vergleichen.
Wozu braucht man komplexe Zahlen?
Sie vereinfachen Rechnungen mit Drehungen und Schwingungen, zum Beispiel in der Elektrotechnik und der Signalverarbeitung. In der Quantenmechanik sind sie unverzichtbar. Außerdem machen sie Gleichungen wie den Fundamentalsatz einfach: Jede Polynomgleichung hat Lösungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Komplexe Zahl
- MacTutor History of Mathematics: Caspar Wessel (englisch)
- MacTutor History of Mathematics: Jean-Robert Argand (englisch)
- MacTutor History of Mathematics: Rafael Bombelli (englisch)
- Paul J. Nahin: An Imaginary Tale: The Story of √−1, Princeton University Press, Princeton 1998.


