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Funktionentheorie: holomorphe Funktionen, Cauchy und Residuensatz
Komplex differenzierbare Funktionen sind erstaunlich starr: Ihre Werte im Inneren folgen aus den Werten auf dem Rand. Du lernst die Cauchy-Riemann-Gleichungen, den Integralsatz und die Integralformel und berechnest reelle Integrale mit dem Residuensatz.
Die Analysis im Reellen kennt differenzierbare Funktionen, die nirgends zweimal differenzierbar sind, und stetige Funktionen ohne jede Ableitung. Im Komplexen ist das anders: Wer einmal komplex differenzierbar ist, ist beliebig oft differenzierbar und lässt sich durch eine Potenzreihe darstellen. Die Funktionentheorie untersucht diese Funktionen und zeigt erstaunliche Zusammenhänge: Der Wert im Inneren eines Kreises ergibt sich aus den Werten auf dem Rand, und Integrale, die im Reellen nur mit Mühe zu berechnen sind, ergeben sich aus ein paar Zahlen.
Du brauchst die komplexen Zahlen, Potenzreihen und die Kurvenintegrale.
Komplexe Differenzierbarkeit
Die Ableitungsregeln (Summe, Produkt, Quotient, Kettenregel) gelten wörtlich wie im Reellen, und , . Die Bedingung „aus jeder Richtung“ ist viel strenger als im Reellen. Die Funktion (komplexe Konjugation) ist nirgends komplex differenzierbar: Für reell ist der Differenzenquotient , für rein imaginär ist er . Die beiden Grenzwerte sind verschieden.
Die Cauchy-Riemann-Gleichungen
Schreibe und mit reellen Funktionen und . Läuft reell, so ist die Ableitung . Läuft imaginär, so ist . Beide Werte sind gleich, also und .
Für ist und . Es ist und , also ist holomorph mit . Für ist , und : nicht holomorph. Aus den Gleichungen folgt durch nochmaliges Ableiten : Real- und Imaginärteil sind harmonisch. Deshalb tauchen holomorphe Funktionen in der Elektrostatik und in der Strömungslehre auf. Geometrisch ist eine holomorphe Funktion mit lokal eine Drehstreckung und damit winkeltreu (konform).
Kurvenintegrale und der Integralsatz
Für eine stückweise glatte Kurve ist . Eine Abschätzung begleitet jedes solche Integral: mit der Länge .
Beweis (für stetig differenzierbares und eine einfach geschlossene Kurve ). Mit ist . Nach dem Satz von Green (siehe Vektoranalysis) ist das über das von umschlossene Gebiet. Nach den Cauchy-Riemann-Gleichungen verschwinden beide Integranden. Goursat zeigte später, dass die stetige Differenzierbarkeit nicht nötig ist.
Der Satz erklärt die Rolle von : Auf , das nicht einfach zusammenhängend ist, gilt der Integralsatz nicht. Das Integral ist nicht , weil im Inneren des Kreises nicht holomorph ist.
Die Cauchysche Integralformel
Beweisidee. Der Integrand ist bis auf den Punkt holomorph. Mit dem Integralsatz darf man den Kreis auf einen kleinen Kreis um zusammenziehen. Dort ist , und liefert im Grenzwert. Differenziert man unter dem Integral, entstehen die Formeln für die Ableitungen.
Die Folgerungen sind erstaunlich. Erstens ist jede holomorphe Funktion beliebig oft komplex differenzierbar und lässt sich in eine Potenzreihe entwickeln, die auf jeder Kreisscheibe konvergiert, die im Definitionsgebiet liegt. Zweitens gilt die Mittelwerteigenschaft: ist der Mittelwert von auf jedem Kreis um , und daraus folgt das Maximumprinzip. Drittens der Satz von Liouville: Eine auf ganz holomorphe und beschränkte Funktion ist konstant. Beweis. Ist , dann gilt nach der Formel für die Abschätzung mit , also für jedes . Mit folgt . Daraus ergibt sich der Fundamentalsatz der Algebra: Ein nichtkonstantes Polynom hat eine Nullstelle in . Sonst wäre ganz und beschränkt, also konstant.
Laurentreihen und Residuen
An Stellen, an denen nicht holomorph ist, helfen Reihen mit negativen Potenzen. In einem Kreisring lässt sich eine holomorphe Funktion als Laurentreihe schreiben. Je nach dem Hauptteil (den Gliedern mit ) hat eine hebbare Singularität (kein Hauptteil, wie bei ), einen Pol der Ordnung (der Hauptteil endet bei , wie ) oder eine wesentliche Singularität (unendlich viele negative Potenzen, wie ). Der Koeffizient heißt das Residuum . Nach dem Beispiel oben ist , denn nur das Glied trägt bei.
| Situation | Formel |
|---|---|
| einfacher Pol | |
| mit , | |
| Pol der Ordnung | Formel unter der Tabelle |
Für einen Pol der Ordnung gilt:
Beispiele: hat bei einen einfachen Pol mit . Die Funktion hat bei einen Pol der Ordnung und das Residuum , denn liefert den Koeffizienten von in .
Der Residuensatz
Beweis. Umschließe jede Singularität mit einem kleinen Kreis. Nach dem Integralsatz ist das Integral über die Summe der Integrale über diese Kreise, und jedes ergibt mal das Residuum.
Mit dem Residuensatz berechnet man auch Fourier-Integrale, Summen unendlicher Reihen und die Transformationen auf den Seiten Laplace-Transformation und Fourierreihen.
Übungen
Immer neue Aufgaben mit Lösungen gibt es auf dem Blatt Residuen und Cauchy-Formeln.
Geschichte: von Cauchy zu Riemann und Weierstraß
Komplexe Zahlen benutzte man seit dem 16. Jahrhundert beim Lösen von Gleichungen, Funktionen einer komplexen Veränderlichen wurden im 18. Jahrhundert untersucht. Carl Friedrich Gauß kannte den Integralsatz schon 1811 aus einem Brief an Bessel, veröffentlichte ihn aber nicht. Augustin-Louis Cauchy bewies ihn 1825 in seiner Abhandlung über bestimmte Integrale zwischen imaginären Grenzen, die Integralformeln folgten 1831, der Residuenkalkül ebenfalls bei Cauchy. Als Hauptbegründer der Theorie gelten Cauchy, Bernhard Riemann mit seiner geometrischen Sicht (konforme Abbildungen, Riemannsche Flächen) und Karl Weierstraß, der die Theorie streng auf Potenzreihen aufbaute.
Häufige Fragen
Warum ist nicht holomorph, obwohl es so einfach ist?
Weil die komplexe Konjugation eine Spiegelung ist und die Orientierung umkehrt. Eine komplex differenzierbare Funktion verhält sich lokal wie eine Multiplikation mit der komplexen Zahl , also wie eine Drehstreckung, und Drehstreckungen kehren die Orientierung nicht um.
Wozu braucht man Funktionentheorie im Ingenieurstudium?
Sie liefert die Grundlage der Laplace- und der Fourier-Transformation, der Wechselstromrechnung und der Stabilitätsanalyse von Regelkreisen (Pole in der linken Halbebene) und löst Potentialprobleme in der Ebene.
Was ist ein Gebiet?
Eine offene, zusammenhängende Teilmenge von . Ohne Zusammenhang kann man Aussagen wie den Identitätssatz (Funktionen, die auf einer Menge mit Häufungspunkt im Gebiet übereinstimmen, sind gleich) nicht beweisen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Funktionentheorie
- Wikipedia: Cauchysche Integralformel
- Wikipedia: Residuensatz
- Eberhard Freitag, Rolf Busam: Funktionentheorie 1, Springer, Berlin.
- Reinhold Remmert: Funktionentheorie 1, Springer, Berlin.
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