Bei einer Steckbriefaufgabe sind Eigenschaften eines Graphen bekannt und die Funktionsgleichung ist gesucht. Du lernst den Ansatz nach dem Grad, übersetzt Punkte, Extrem- und Wendepunkte in Gleichungen und löst das System mit dem Gauß-Verfahren.
Bei einer Steckbriefaufgabe ist der Graph einer ganzrationalen Funktion wie bei einem Fahndungsplakat nur durch Eigenschaften beschrieben: „Gesucht ist eine Funktion 3. Grades mit Hochpunkt und Tiefpunkt .“ Du sollst die Funktionsgleichung finden. Es ist die Umkehrung der Kurvendiskussion, bei der du aus der Gleichung die Eigenschaften bestimmst.
Eine ganzrationale Funktion vom Grad hat Koeffizienten, zum Beispiel bei Grad 3. Diese Zahlen sind die Unbekannten. Du brauchst darum unabhängige Bedingungen. Ist der Grad nicht angegeben, schließt du ihn aus der Zahl der Bedingungen: Bei vier Bedingungen genügt Grad 3.
Der Ansatz je nach Grad und Symmetrie
Funktion
Ansatz
Unbekannte
Grad 2
3
Grad 3
4
Grad 4
5
Grad 4, achsensymmetrisch zur -Achse
3
Grad 3, punktsymmetrisch zum Ursprung
2
Bei Achsensymmetrie zur -Achse kommen nur gerade Exponenten vor, bei Punktsymmetrie zum Ursprung nur ungerade. Das ist die Erkenntnis aus dem Abschnitt Symmetrie. Die fehlenden Glieder sind null, und diese Bedingungen bekommst du kostenlos.
Schreibe sofort die Ableitungen mit auf. Für Grad 3 sind das
Vorsicht: Die Koeffizienten bleiben beim Ableiten stehen, wird zu und nicht zu 1.
Schritt 2: Eigenschaften in Gleichungen übersetzen
Übersetzungstabelle für Steckbriefaufgaben
Eigenschaft im Text
Gleichung(en)
Der Graph geht durch
Schnittpunkt mit der -Achse bei 3
Nullstelle bei
Extrempunkt (Hoch- oder Tiefpunkt)
und
Extremstelle bei , unbekannt
Wendepunkt
und
Sattelpunkt
, und
Steigung an der Stelle
Wendetangente im Wendepunkt
, und
Graph berührt die -Achse bei
und
Graph berührt die Gerade bei
und
Schritt 3: Das Gleichungssystem lösen
Die Gleichungen sind linear in den Unbekannten . Du löst sie mit den Verfahren für lineare Gleichungssysteme:
Einfache Gleichungen zuerst: liefert sofort , und liefert . Setze solche Werte in die anderen Gleichungen ein.
Einsetzen: Löse eine Gleichung nach einer Unbekannten auf und setze das Ergebnis in die übrigen ein.
Gauß-Verfahren: Subtrahiere Gleichungen voneinander, bis eine Unbekannte nach der anderen wegfällt. Mehr dazu bei Matrizen und Gauß-Verfahren.
Für größere Systeme kannst du den Gleichungssystem-Rechner nutzen. Den Rechenweg musst du in einer Klausur aber meist selbst zeigen.
Schritt 4: Probe und Antwort
Setze die gefundene Funktion in alle Bedingungen ein, nicht nur in die, die du zuletzt benutzt hast. Prüfe außerdem, ob die Art des Punkts stimmt: Ist ein Hochpunkt verlangt, muss sein. Schreibe zum Schluss einen Antwortsatz mit der Funktionsgleichung.
Beispiel 1: mit Symmetrie
Ohne die Symmetrie hätte der Ansatz fünf Unbekannte, und die drei Bedingungen reichten nicht aus.
Beispiel 2: mit Wendetangente
Diese Funktion kennst du schon: Sie ist das Hauptbeispiel der Kurvendiskussion. Dort wurde aus der Gleichung der Wendepunkt bestimmt, hier der Weg zurück.
Beispiel 3: Hoch- und Tiefpunkt mit dem Gauß-Verfahren
Gesucht war die Funktion 3. Grades mit Hochpunkt H(1|3) und Tiefpunkt T(3|−1). Das Ergebnis f(x) = x3 − 6x2 + 9x − 1 erfüllt alle vier Bedingungen.
Anwendung: glatte Übergänge
Steckbriefaufgaben haben praktischen Nutzen: Sie verbinden Kurvenstücke ohne Knick. Zwei Straßenstücke liegen parallel mit einem Höhenunterschied von 2 und einem Abstand von 4 (alle Angaben in derselben Längeneinheit). Die Straße 1 läuft bei bis zum Punkt , die Straße 2 beginnt in bei . Dazwischen soll eine Funktion ohne Knick verbinden. Das heißt: , , und . Damit ist und , und aus und folgen und :
Zwei parallele Straßenstücke mit einem Höhenunterschied von 2 werden durch eine ganzrationale Funktion ohne Knick verbunden. Die Kurve vom Grad 3 passt Wert und Steigung an, die vom Grad 5 zusätzlich die Krümmung.
Die Kurve hat in und kein Knick, die Krümmung springt aber: Es ist und , auf den geraden Stücken ist sie null. Ein Fahrer müsste das Lenkrad plötzlich bewegen. Bezieht man und mit ein, braucht man sechs Bedingungen und Grad 5. Das Ergebnis ist (gestrichelt im Bild). Im echten Straßenbau verwendet man dafür meist Klothoiden, bei denen die Krümmung linear mit der Bogenlänge wächst. Bei der Bahn nutzt man bei niedrigeren Geschwindigkeiten auch kubische Parabeln.
Ein zweites Beispiel ist ein Brückenbogen. Er ist symmetrisch, 40 m breit und in der Mitte 8 m hoch. Mit dem Ansatz , und ergibt sich . In 10 m Abstand von der Mitte ist der Bogen noch m hoch.
Typische Fehler
Übungen
Geschichte: Kurven durch vorgegebene Punkte
Die Aufgabe, eine Kurve durch vorgegebene Punkte zu legen, heißt in der Mathematik Interpolation. Zwei bekannte Verfahren tragen die Namen von Newton und Lagrange: die Newton-Interpolation und die Lagrange-Interpolation. Werden außer den Funktionswerten auch Ableitungen vorgegeben wie bei Steckbriefaufgaben, spricht man von der Hermite-Interpolation, nach dem französischen Mathematiker Charles Hermite. Gelöst werden die entstehenden Gleichungssysteme mit dem Eliminationsverfahren, das nach Gauß benannt ist. Seine Geschichte steht bei den linearen Gleichungssystemen.
Häufige Fragen
Woher weiß ich, welchen Grad ich ansetzen muss?
Oft steht der Grad in der Aufgabe. Sonst zählst du die Bedingungen: Mit Bedingungen kommst du mit Grad aus. Symmetrie verringert die Zahl der Unbekannten.
Was tun, wenn das Gleichungssystem keine Lösung hat?
Dann gibt es keine Funktion dieses Grades mit allen Eigenschaften, oder du hast dich verrechnet. Prüfe zuerst die Ableitungen und das Aufstellen der Gleichungen, danach erhöhe notfalls den Grad.
Warum heißt es Steckbriefaufgabe?
Wie bei einem Steckbrief, der eine gesuchte Person durch Merkmale beschreibt, wird hier eine gesuchte Funktion durch Merkmale ihres Graphen beschrieben.
Kann ich auch gebrochenrationale oder Exponentialfunktionen bestimmen?
Ja, mit demselben Prinzip: Ansatz, Bedingungen, System. Bei Funktionen wie ist das System nicht mehr linear in allen Unbekannten und wird schwieriger.