Mathematiker · Mathematik des 16. Jahrhunderts
Adam Ries
Adam Ries lehrte im 16. Jahrhundert Handwerker und Kaufleute das Rechnen, auf Deutsch, auf dem Linienbrett und mit der Feder. Seine Rechenbücher wurden weit über hundertmal gedruckt, und sein Name lebt in einer Redensart weiter.
Adam Ries (1492/93–1559) war ein deutscher Rechenmeister aus Staffelstein in Franken. Er lebte lange in Annaberg im sächsischen Erzgebirge und schrieb dort und in Erfurt Rechenbücher, mit denen Generationen von Handwerkern und Kaufleuten rechnen lernten. Sein Erfolgsbuch von 1522 erklärt das Rechnen mit den heutigen Ziffern und wurde noch lange nach seinem Tod neu aufgelegt.
Ries schrieb auf Deutsch und nicht auf Latein, und er erklärte jeden Schritt an Beispielen aus dem Alltag. Das machte ihn zum bekanntesten Rechenlehrer des deutschen Sprachraums. Dass er das schriftliche Rechnen erfunden habe, ist trotzdem ein Irrtum (mehr dazu unten). Zur Epoche mehr unter Mathematik des 16. Jahrhunderts.
Von Staffelstein nach Annaberg
Ries wurde 1492 oder 1493 in Staffelstein geboren, das damals zum Hochstift Bamberg gehörte. Das genaue Jahr ist unsicher: Die Inschrift auf seinem Porträt von 1550 nennt sein Alter so, dass beide Jahre möglich sind. Über seine Kindheit und Ausbildung ist wenig bekannt. Sein Name wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr verschieden geschrieben, belegt sind unter anderem Ries, Ris und Ryse. Heute steht in der Fachliteratur meist „Ries“, in der Redensart aber „Riese“.
1518 ging Ries nach Erfurt und leitete dort eine Rechenschule. Erfurt hatte eine Universität, und die Gelehrten der Stadt gaben ihm Zugang zu Handschriften. Nach MacTutor schenkte ihm der Erfurter Gelehrte Georg Sturtz eine Sammlung von Texten zu Arithmetik und Algebra, die ursprünglich dem Leipziger Rechenmeister Johannes Widmann gehört hatten. Widmann hatte 1489 als Erster die Zeichen + und − gedruckt. In Erfurt entstanden die ersten beiden Rechenbücher von Ries.
1522 oder 1523 zog Ries nach Annaberg und blieb dort bis zu seinem Tod. Die Stadt war ein Zentrum des Silberbergbaus. Ries eröffnete in der Johannisgasse eine private Rechenschule und heiratete 1525 Anna Leuber. Daneben arbeitete er in der sächsischen Bergverwaltung, zuerst als Rezessschreiber (er führte Abrechnungen), später als Berggegenschreiber (er kontrollierte die Rechnungen anderer) und als Zehntner (er zog den „Zehnten“ ein, die Abgabe an den Landesherrn). Später führte er den Titel eines kurfürstlich-sächsischen Hofarithmeticus. Er starb 1559, vermutlich in Annaberg. Auch Sterbetag und Sterbeort sind unsicher: Genannt werden der 30. März und der 2. April, außerdem Wiesa bei Annaberg.
Rechnen auf den Linien und mit der Feder
Zu Ries’ Zeit rechneten die meisten Menschen noch nicht schriftlich. Sie legten Rechenpfennige (kleine Metallmarken) auf ein Brett oder Tuch mit waagerechten Linien. Jede Linie stand für eine Stelle: die unterste für Einer, die nächste für Zehner, dann Hunderter und Tausender. Der Raum über einer Linie galt fünf Pfennige dieser Linie. Dieses Rechnen auf den Linien war eine Art Abakus (Rechenbrett) und im Handel verbreitet. Mehr zu dieser Tradition steht in der mittelalterlichen europäischen Mathematik.
Das Rechnen mit der Feder geht ohne Brett. Man schreibt die Zahlen mit den indisch-arabischen Ziffern 0 bis 9 auf Papier und rechnet nach festen Regeln, die man auswendig lernen kann. Diese Ziffern kamen aus Indien über die arabische Welt nach Europa, in Büchern wie dem Liber abaci von Fibonacci (1202). Ries’ Rechenbuch von 1522 lehrt beide Verfahren nebeneinander. Die Rechenverfahren, die man heute in der Schule lernt, stehen auf den Seiten Schriftliches Addieren, Schriftliches Subtrahieren und Schriftliches Multiplizieren.
Die Rechenbücher
Ries veröffentlichte drei Rechenbücher. Das erste, Rechnung auff der linihen (Erfurt 1518), lehrt nur das Rechnen auf den Linien und schreibt Zahlen noch mit lateinischen Buchstaben, also römischen Zahlzeichen. Das zweite, Rechenung auff der linihen und federn (1522), ergänzt das Rechnen mit der Feder und ist das erfolgreichste. Es wurde zu seinen Lebzeiten und danach mindestens 120-mal aufgelegt. Das dritte, Rechenung nach der lenge, auff den Linihen vnd Feder (Leipzig 1550), wird oft Practica genannt. Es behandelt auch das Visieren, das Ausmessen von Fässern, und enthält das einzige zeitgenössische Bildnis von Ries.

Die Bücher waren für Menschen geschrieben, die rechnen mussten: Handwerker, Händler, Bergleute, Schreiber. Ries wählte Aufgaben aus dem Alltag, etwa Preise, Löhne, Gewichte und Maße, und rechnete sie Schritt für Schritt vor. Weil er auf Deutsch schrieb, konnte man seine Bücher ohne Lateinkenntnisse lesen. Einen ähnlichen Weg war in Italien schon Luca Pacioli gegangen, der seine Summa in der Volkssprache verfasst hatte. Wie solche Preis- und Mengenaufgaben heute gerechnet werden, steht unter Verhältnisse und Proportionalität.
Die Coß: Algebra in Worten
1524 schloss Ries eine Handschrift mit mehr als 500 Seiten ab, die Coß. Der Name kommt vom italienischen cosa („Sache“), mit dem man damals die Unbekannte einer Gleichung bezeichnete, wie schon bei Pacioli. Die Coß ist eine Algebra: Sie sammelt Gleichungsaufgaben und ihre Lösungswege, geschrieben noch weitgehend in Worten und Kürzeln statt in Formeln. Zu Lebzeiten von Ries wurde sie nicht gedruckt. Eine vollständige Ausgabe erschien erst 1992. In dieselbe Zeit fallen die großen Fortschritte der italienischen Algebra, über die der Beitrag zu Tartaglia, Cardano und Ferrari berichtet.
Brotordnung und Rechenbüchlein für den Alltag
Ries rechnete auch im Auftrag der Stadt. Er entwarf die Annaberger Brotordnung, die mit Tabellen festlegte, welche Gewichtsabweichungen beim Brot zulässig waren. Ähnliche Ordnungen entstanden für andere sächsische Städte. Das Gerechent Büchlein (Handschrift 1533, gedruckt 1536) enthält Tabellen für Preisrechnungen im Alltag. Mehr zum Handelsrechnen steht unter Kaufmännisches Rechnen.
Zeitleiste: Adam Ries
- 1492/93 Geburt in Staffelstein im Hochstift Bamberg
- 1518 Umzug nach Erfurt, Rechenschule und erstes Rechenbuch (Rechnung auff der linihen)
- 1522 Zweites Rechenbuch mit dem Federrechnen, später sein erfolgreichstes
- 1522/23 Übersiedlung nach Annaberg, Rechenschule in der Johannisgasse
- 1524 Algebra-Handschrift Coß abgeschlossen
- 1525 Heirat mit Anna Leuber, Bürgereid in Annaberg
- 1533/36 Gerechent Büchlein (Handschrift 1533, Druck 1536)
- 1550 Drittes Rechenbuch (Practica) mit Porträt
- 1559 Tod, vermutlich in Annaberg
Bedeutung und Nachwirkung
Ries war kein Forscher, der Neues bewies, sondern ein Lehrer, der Wissen verbreitete. Seine Bücher prägten das Rechnen im deutschen Sprachraum für lange Zeit. Er gilt deshalb als „Rechenmeister des deutschen Volkes“. Im Lauf der Jahrhunderte setzte sich das Rechnen mit der Feder gegenüber dem Linienrechnen durch.
Heute erinnern an ihn das Adam-Ries-Museum in Annaberg-Buchholz, das im Haus seiner früheren Rechenschule in der Johannisgasse untergebracht ist, Denkmäler in Annaberg, Bad Staffelstein und Erfurt sowie eine Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1959 zum 400. Todestag. Am bekanntesten ist die Redensart „Das macht nach Adam Riese …“. Man sagt sie, um ein Rechenergebnis zu bekräftigen. Belegt ist sie erst im 18. Jahrhundert, etwa bei Georg Friederich Götz (1785) und Abraham Gotthelf Kästner (1796). Zu den Grundlagen des Rechnens führen die Lernseiten Arithmetik und Addieren und Subtrahieren.
Häufige Fragen
Wann lebte Adam Ries?
Adam Ries wurde 1492 oder 1493 in Staffelstein geboren und starb 1559, vermutlich in Annaberg. Als Sterbetag werden der 30. März und der 2. April genannt.
Was bedeutet „nach Adam Riese“?
Die Redensart sagt, dass eine Rechnung stimmt. Sie erinnert an den Rechenmeister Adam Ries, dessen Bücher als zuverlässig galten. Schriftlich belegt ist sie ab dem 18. Jahrhundert.
Was ist der Unterschied zwischen Linienrechnen und Federrechnen?
Beim Linienrechnen legt man Rechenpfennige auf ein Brett mit Linien für Einer, Zehner und Hunderter. Beim Federrechnen schreibt man die Zahlen mit indisch-arabischen Ziffern auf und rechnet nach festen Regeln.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Adam Ries
- MacTutor History of Mathematics: Adam Ries (englisch)
- Deutsche Biographie: Ries, Adam (mit ADB- und NDB-Artikel)
- Adam-Ries-Bund e. V., Annaberg-Buchholz (Trägerverein des Adam-Ries-Museums)



