Mathematik lernen · Oberstufe
Binomialverteilung
Wie oft trifft ein Spieler bei 6 Würfen, wie viele von 20 Teilen sind defekt? Du lernst die Bernoulli-Kette, leitest die Formel aus dem Baumdiagramm her und rechnest genau, höchstens, mindestens und wie oft man es mindestens versuchen muss.

Die Binomialverteilung beschreibt, wie oft ein Ereignis in einer Reihe gleichartiger Versuche eintritt: wie viele Sechsen bei 10 Würfen fallen, wie viele von 20 Bauteilen defekt sind oder wie viele von 15 Patienten ein Medikament heilt. Sie gehört zu den wichtigsten Verteilungen der Schule und der Statistik.
Diese Seite vertieft den Abschnitt zur Binomialverteilung mit neuen Beispielen: Herleitung der Formel, Tabellen und kumulierte Wahrscheinlichkeiten, Sigma-Regeln und typische Abituraufgaben. Der Binomialverteilung-Rechner liefert alle Werte zur Kontrolle, das Arbeitsblatt Binomialverteilung gibt Übungsaufgaben. Den Binomialkoeffizienten brauchst du aus der Kombinatorik.
Bernoulli-Experiment und Bernoulli-Kette
Ein Bernoulli-Experiment hat genau zwei Ausgänge: Treffer mit der Wahrscheinlichkeit und Niete mit der Wahrscheinlichkeit . Beispiele sind „Sechs“ oder „keine Sechs“ beim Würfeln und „defekt“ oder „in Ordnung“ bei einem Bauteil. Wiederholst du es -mal, und die Versuche beeinflussen sich nicht, entsteht eine Bernoulli-Kette der Länge . Die Zufallsgröße zählt die Treffer. Sie ist binomialverteilt mit den Parametern und , man schreibt .
Das scheitert zum Beispiel beim Ziehen ohne Zurücklegen aus einer kleinen Urne, denn nach jedem Zug ändert sich . Dann gilt die hypergeometrische Verteilung (wie beim Lotto). Ist die Grundgesamtheit sehr groß im Vergleich zur Stichprobe, etwa 20 Bauteile aus einer Tagesproduktion von 10.000, ändert sich kaum, und die Binomialverteilung ist eine gute Näherung.
Die Formel von Bernoulli
Die Formel folgt aus dem Baumdiagramm. Das Bild zeigt eine Kette mit Versuchen. Jeder Pfad hat drei Äste, und es gibt Pfade:
Die Pfade mit genau zwei Treffern sind TTN, TNT und NTT. Jeder hat nach der Produktregel die Wahrscheinlichkeit . Weil es drei solche Pfade gibt, addierst du nach der Summenregel: . Die Zahl 3 ist die Zahl der Möglichkeiten, die zwei Treffer auf die drei Versuche zu verteilen, also .
Für ergibt sich bei die Verteilung , , und . Die Summe ist 1. Zum Beispiel .
Im Schnitt ist Teil defekt. Trotzdem findest du mit etwa 26 % Wahrscheinlichkeit mindestens zwei defekte Teile in der Stichprobe.
Die Verteilung als Histogramm
Für liefert die Formel die Werte der Tabelle. Die zweite Zeile enthält die kumulierten Werte , die du gleich brauchst.
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 0,0282 | 0,1211 | 0,2335 | 0,2668 | 0,2001 | 0,1029 | 0,0368 | 0,0090 | 0,0014 | |
| 0,0282 | 0,1493 | 0,3828 | 0,6496 | 0,8497 | 0,9527 | 0,9894 | 0,9984 | 0,9999 |
Die höchste Säule steht beim Erwartungswert 3. Für ist die Verteilung rechtsschief (der lange Schwanz zeigt nach rechts), für linksschief und nur für symmetrisch. Mit wachsendem wird sie flacher und breiter und nähert sich der Glockenkurve der Normalverteilung, wie es de Moivre gezeigt hat.
Ein Sonderfall ist , etwa bei einer fairen Münze. Dann ist , und die Zähler sind genau die Zahlen einer Zeile im Pascalschen Dreieck. Für sind das , geteilt durch . Die größte Wahrscheinlichkeit ist bei . Der wahrscheinlichste Wert liegt meist nahe bei .
Kumulierte Wahrscheinlichkeiten
Bei Fragen wie „höchstens“ oder „mindestens“ musst du mehrere Säulen addieren. Dafür gibt es die kumulierte Verteilungsfunktion . Sie steht in Tabellenwerken, im Rechner oder lässt sich aufaddieren. Die wichtigsten Umformungen:
- und
Hier passieren die meisten Fehler: „mindestens “ führt zu , nicht zu .
Erwartungswert und Standardabweichung
Die Trefferzahl lässt sich als Summe von einzelnen Bernoulli-Zufallsgrößen schreiben, die jeweils 1 (Treffer) oder 0 (Niete) sind. Jede hat den Erwartungswert und die Varianz . Mit den Rechenregeln für Zufallsgrößen folgt:
Für ist , und . Bei den 20 Bauteilen oben gilt und .
Die Sigma-Regeln
Bei genügend großem (Faustregel ) liegen die Trefferzahlen mit festen Wahrscheinlichkeiten im Bereich um . Sei mit und . Die exakten Werte zeigt die Tabelle:
| Bereich | ganze Werte von bis | exakt | Sigma-Regel |
|---|---|---|---|
| (25,4 bis 34,6) | 26 bis 34 | 0,674 | 0,683 |
| (20,8 bis 39,2) | 21 bis 39 | 0,963 | 0,954 |
| (16,3 bis 43,7) | 17 bis 43 | 0,997 | 0,997 |
Die Sigma-Regeln sind Näherungen, aber gute. Mit ihnen schätzt du, welche Trefferzahlen noch „normal“ sind. Mit sind es hier etwa 21 bis 39 Treffer, ein Wert von 45 wäre auffällig. Auf diesem Gedanken beruht der Hypothesentest.
Mindestens einmal und die Frage nach n
Die Wahrscheinlichkeit für „mindestens ein Treffer“ rechnet man über das Gegenereignis „kein Treffer“:
Mit 10 Würfen und erhältst du .
Der Weg über den Logarithmus ist nötig, weil im Exponenten steht. Ohne Logarithmus kannst du auch probieren und die Werte in den Rechner eintippen.
Typische Abituraufgaben
Im Abitur kommen ähnliche Fragen in vielen Verkleidungen vor. Ein Medikament heilt 80 % der Patienten. 15 Patienten werden behandelt, :
| Frage | Ansatz | Ergebnis |
|---|---|---|
| Genau 12 geheilt | mit der Formel | 0,2501 |
| Mindestens 12 geheilt | 0,6482 | |
| Mindestens 14 geheilt | 0,1671 | |
| Erwartungswert und Standardabweichung | und | 12 und 1,55 |
| Wie viele Patienten mindestens, damit mit 99 % mindestens einer geheilt wird? | , also 3 |
Dazu kommen Aufgaben zum Hypothesentest, bei denen du entscheidest, ob eine beobachtete Trefferzahl zu einer vermuteten Wahrscheinlichkeit passt, und die Näherung durch die Normalverteilung für große .
Typische Fehler
Übungen
Geschichte: von Bernoulli zu de Moivre
Die Binomialkoeffizienten und das Pascalsche Dreieck waren schon lange bekannt. Jakob Bernoulli untersuchte in seiner Ars Conjectandi (1713) Folgen unabhängiger Versuche mit nur zwei Ausgängen. Nach ihm heißen Bernoulli-Experiment und Bernoulli-Kette. Aus der Binomialverteilung leitete er das Gesetz der großen Zahlen ab.
Für große sind die Binomialkoeffizienten schwer zu berechnen. Abraham de Moivre fand 1733 eine Näherung durch eine Glockenkurve, die später Normalverteilung hieß. Mehr dazu bei Abraham de Moivre.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich eine Binomialverteilung?
Du zählst Treffer in unabhängigen Versuchen mit gleicher Trefferwahrscheinlichkeit . Typische Signalwörter sind „wie viele von “, „mit Zurücklegen“ und „unabhängig“.
Wann nehme ich die Formel, wann die Tabelle?
Für einzelne Werte genügt die Formel. Für „höchstens“, „mindestens“ oder „zwischen“ ist die kumulierte Tabelle oder der Rechner bequemer, weil du viele Säulen sonst von Hand addieren müsstest.
Was ändert sich, wenn p größer wird?
Die Verteilung wandert nach rechts, der Erwartungswert wird größer. Bei ist sie symmetrisch. Die Streuung ist bei am größten, weil dort maximal ist.
Wie hängt das mit der Normalverteilung zusammen?
Für große (Faustregel ) nähert die Normalverteilung mit und die Binomialverteilung gut an. Das ist der Satz von de Moivre und Laplace.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Binomialverteilung
- Wikipedia: Bernoulli-Prozess
- Wikipedia: Satz von Moivre-Laplace
- Wikipedia: Gesetz der großen Zahlen
- Jakob Bernoulli: Ars Conjectandi, Basel 1713.
- Abraham de Moivre: Approximatio ad summam terminorum binomii (a + b)ⁿ in seriem expansi, London 1733.

