Mathematik lernen · Klasse 10–11

Sinusfunktion und Kosinusfunktion

Wie wird aus einem Kreis eine Welle? Du lernst, wie Sinus und Kosinus am Einheitskreis entstehen, was die vier Zahlen der allgemeinen Sinusfunktion bewirken und wie du die Gleichung aus einem Graphen oder aus Messwerten bestimmst.

Sinusfunktion und Kosinusfunktion
Bild: Geek3, Public domain · Wikimedia Commons

Die Sinusfunktion ordnet jeder reellen Zahl x den Wert sinx zu, den Sinus des Winkels x im Bogenmaß. Ihr Graph ist eine gleichmäßige Welle, die zwischen −1 und 1 hin- und herschwingt und sich nach 2π wiederholt. Die Kosinusfunktion x↦cosx sieht genauso aus, nur ein Stück zur Seite geschoben.

Solche Wellen findest du überall: in der Länge der Tage im Jahreslauf, bei Ebbe und Flut, im Schall und im Wechselstrom. Diese Seite vertieft den Abschnitt Graphen von Sinus und Kosinus. Den Einheitskreis und das Bogenmaß findest du bei Einheitskreis und Bogenmaß. Gleichungen wie sinx=0,5 löst du mit den Methoden aus Trigonometrische Gleichungen. Zum Üben gibt es das Arbeitsblatt Sinusfunktion.

Vom Einheitskreis zum Graphen

Der Einheitskreis ist der Kreis mit Radius 1 um den Ursprung. Zu jedem Winkel x gehört ein Punkt P auf ihm: Du misst x von der positiven x-Achse aus gegen den Uhrzeigersinn. Die Höhe von P ist sinx, der waagerechte Abstand von der senkrechten Achse ist cosx.

x cos x sin x 1 P π/2 π 3π/2 2π 1 −1 x x y
Vom Kreis zur Welle: Der Sinus von x ist die Höhe des Punkts P auf dem Einheitskreis (hier für x = π/3). Trägst du diese Höhe über dem Winkel x im Bogenmaß ab, entsteht der Graph.

Läuft P einmal um den Kreis, ändert sich seine Höhe gleichmäßig auf und ab. Trägst du die Höhe über dem Winkel ab, entsteht die Sinuskurve. Der Winkel wird dabei im Bogenmaß gemessen, also als Länge des Kreisbogens. Ein voller Umlauf ist 360°=2π≈6,28.

Die fünf Schlüsselpunkte

Eine Periode der Sinuskurve besteht aus vier gleich langen Vierteln. An den fünf Stellen 0, π2, π, 3π2 und 2π liegen die wichtigen Punkte: Nullstelle, Hochpunkt, Nullstelle, Tiefpunkt, Nullstelle.

Die fünf Schlüsselpunkte einer Periode
x0π2π3π22π
sinx010−10
cosx10−101

Mit diesen fünf Punkten skizzierst du jede Sinus- und Kosinuskurve schnell und sauber, auch nach einer Verformung. Die Werte für Winkel wie 30° oder 60° kennst du von den besonderen Werten.

Wegen der Periode gilt sin(x+2π)=sinx. Außerdem sind die Kurven symmetrisch: Der Sinus ist punktsymmetrisch zum Ursprung, es gilt sin(−x)=−sinx. Der Kosinus ist achsensymmetrisch zur y-Achse, es gilt cos(−x)=cosx.

Der Kosinus als verschobener Sinus

Schiebst du den Graphen des Sinus um π2 nach links, erhältst du den Graphen des Kosinus. Als Formel:

cosx=sin(x+π2),sinx=cos(x−π2).

Zur Probe: Für x=0 ist cos0=1 und sinπ2=1. Beide Seiten stimmen überein.

Du kannst jede Welle also mit dem Sinus oder mit dem Kosinus beschreiben. In der Praxis nimmst du die Funktion, die besser zum Graphen passt: Beginnt die Schwingung in einem Hochpunkt, brauchst du beim Kosinus keine Verschiebung. Beginnt sie auf der Mittellinie und steigt, passt der Sinus.

Die allgemeine Sinusfunktion

Mit vier Zahlen a, b, c und d verformst du die Sinuskurve zu jeder beliebigen gleichmäßigen Welle.

Wirkung der vier Parameter
ParameterWirkung auf den GraphenKenngröße
aStreckung in y-Richtung, bei a<0 Spiegelung an der MittellinieAmplitude |a|
bStauchung oder Streckung in x-RichtungPeriode p=2π|b|
cVerschiebung in x-Richtung, bei c>0 nach rechtsPhasenverschiebung c
dVerschiebung in y-Richtung, bei d>0 nach obenMittellinie y=d
π 2π a = 2 2 · sin x Amplitude 2 π 2π b = 2 sin(2x) Periode π π 2π c = π/2 sin(x − π/2) nach rechts π 2π d = 1 sin x + 1 nach oben
Was die Parameter bewirken. Die dünne Linie ist jeweils y = sin x, die dicke die veränderte Kurve. Gezeigt ist der Bereich von 0 bis 2π.

Amplitude a

Die Amplitude ist der größte Ausschlag nach oben oder unten, gemessen von der Mittellinie aus. Für f(x)=2sinx schwingt die Kurve zwischen −2 und 2, die Amplitude ist 2. Bei negativem a wird die Kurve an der Mittellinie gespiegelt, die Amplitude bleibt |a|. So ist −sinx ein Sinus, der zuerst nach unten schwingt.

Periode b

Die Periode p ist die Länge, nach der sich die Kurve wiederholt. Der Sinus durchläuft einen Umlauf, wenn sein Argument um 2π wächst. Beim Argument bx ist das bei b·p=2π der Fall, also

p=2π|b|,b=2πp.

Für sin(2x) ist die Periode π, die Welle läuft doppelt so schnell. Für sin(x2) ist sie 4π. Bei Zeitangaben nennt man den Kehrwert der Periode die Frequenz. Sie wird in Hertz gemessen: 1 Hz ist eine Schwingung pro Sekunde.

Verschiebung c

Der Term sin(x−c) beschreibt die um c nach rechts verschobene Sinuskurve: Den Wert, den der Sinus bei 0 hat, nimmt die verschobene Kurve erst bei x=c an. Mit c=π2 wandert der Graph um π2 nach rechts, bei sin(x+π2) um π2 nach links. Diese Verschiebung heißt Phasenverschiebung.

Die Verschiebung c liest du erst ab, wenn b ausgeklammert ist. In sin(2x−π) ist nicht c=π, denn sin(2x−π)=sin(2(x−π2)). Die Kurve wird nur um π2 verschoben.

Mittellinie d

Die Zahl d hebt die gesamte Kurve an (d>0) oder senkt sie (d<0). Die Schwingung verläuft dann symmetrisch um die Mittellinie y=d. Der Wertebereich ist [d−|a|;d+|a|]. So schwingt 3sinx+2 zwischen 2−3=−1 und 2+3=5.

Die Gleichung aus einem Graphen bestimmen

Oft ist ein Graph oder eine Messreihe gegeben, und du sollst die Gleichung aufstellen. Dann bestimmst du die vier Zahlen in dieser Reihenfolge.

−2 0 2 4 6 8 10 12 14 1 2 3 4 5 y = 3 Periode 12 H(2|5) T(8|1) N(−1|3) x y
Aus diesem Graphen liest du ab: Hochpunkt H(2|5), Tiefpunkt T(8|1), Periode 12. Die Mittellinie liegt bei y = 3, die Amplitude ist 2, und die Kurve steigt bei x = −1 durch die Mittellinie.

Die Steigung der Welle

Die Ableitungen von Sinus und Kosinus kennst du aus dem Abschnitt Spezielle Funktionen: (sinx)′=cosx und (cosx)′=−sinx. Mit der Kettenregel folgt für die allgemeine Form

f′(x)=a·b·cos(b(x−c)).

Die Steigung schwankt also selbst wie eine Welle zwischen −|ab| und |ab|. Am steilsten ist die Kurve dort, wo sie die Mittellinie schneidet, an den Hoch- und Tiefpunkten ist die Steigung 0. Eine große Amplitude oder eine kurze Periode machen die Kurve steiler.

Anwendungen

Tageslänge im Jahreslauf

Die Sonne geht im Lauf des Jahres regelmäßig früher auf und später unter. Für Berlin passt das Modell

d(t)=12,2+4,6·sin(2π365(t−80)).

Hier ist t der Tag des Jahres (der 1. Januar ist t=1) und d(t) die Tageslänge in Stunden. Die Mittellinie liegt bei 12,2 Stunden, die Amplitude beträgt 4,6 Stunden, die Periode ist ein Jahr. Bei t=80, um den 21. März, steigt die Kurve durch die Mittellinie. Die Zahlen sind aus den berechneten Sonnenauf- und Sonnenuntergangszeiten für Berlin gewonnen und gerundet.

8 10 12 14 16 J F M A M J J A S O N D Mittellinie 12,2 über 14 h: 136 Tage Maximum 16,8 h Minimum 7,6 h Tageslänge in Stunden
Tageslänge in Berlin als Sinusmodell d(t) = 12,2 + 4,6 · sin(2π/365 · (t − 80)). Die Buchstaben unter der Achse sind die Monatsanfänge von Januar bis Dezember.

Gezeiten

Ebbe und Flut folgen dem Mond. Weil sich die Erde unter dem Mond dreht und der Mond dabei weiterwandert, kehrt er erst nach etwa 24 Stunden und 50 Minuten an dieselbe Stelle des Himmels zurück. An der Nordsee gibt es pro Mondtag zwei Hochwasser, die Periode beträgt also gut 12 Stunden und 25 Minuten, etwa 12,4 Stunden. Der wirkliche Wasserstand setzt sich aus mehreren Wellen zusammen: Springtiden mit besonders hohem Wasser kehren zum Beispiel etwa alle 14¾ Tage wieder. Eine einzelne Sinuswelle ist trotzdem ein guter Anfang.

Schall

Ein reiner Ton ist eine Sinusschwingung des Luftdrucks. Die Amplitude bestimmt die Lautstärke, die Frequenz die Tonhöhe.

Instrumente erzeugen allerdings keinen reinen Sinuston, sondern mehrere Sinusschwingungen gleichzeitig, den Grundton und Obertöne. Wie sich jede periodische Schwingung aus Sinuswellen zusammensetzen lässt, hat Joseph Fourier gezeigt.

Typische Fehler

Übungen

Geschichte: vom Kreisbogen zur Welle

Am Anfang standen nicht Funktionen, sondern Sehnen im Kreis. Ptolemäus stellte im 2. Jahrhundert n. Chr. eine Tafel der Sehnen auf, in Indien wurde daraus die halbe Sehne, die jya. Diese Entwicklung steht bei Indien: die jya, der erste Sinus. Über das arabische Wort dschaib („Tasche“, „Kleiderfalte“) kam der Begriff nach Europa: Gerhard von Cremona übersetzte es im 12. Jahrhundert mit lateinisch sinus. Der Name Kosinus kürzt complementi sinus ab, den Sinus des Komplementärwinkels.

Zur Funktion einer Zahl wurden Sinus und Kosinus im 18. Jahrhundert: Leonhard Euler behandelte sie 1748 in seiner Introductio in analysin infinitorum als Funktionen von Zahlen am Einheitskreis. Spätestens seit Fourier gelten die Sinuswellen dann als Bausteine für beliebige Schwingungen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Sinus und Kosinus?

Beide Graphen haben dieselbe Form. Der Kosinus ist der um π2 nach links verschobene Sinus. Am Einheitskreis ist der Sinus die Höhe und der Kosinus der waagerechte Abstand des Punkts P.

Warum rechnet man bei Funktionen im Bogenmaß?

Nur im Bogenmaß haben Sinus und Kosinus ihre einfachen Ableitungen (sinx)′=cosx und (cosx)′=−sinx. Misst man in Grad, kommt der Faktor π180 hinzu. Stelle deshalb den Taschenrechner auf RAD.

Ist die Gleichung einer Welle eindeutig?

Nein. Du kannst Sinus oder Kosinus verwenden, die Verschiebung c um beliebige Vielfache der Periode ändern und das Vorzeichen von a mit einer Verschiebung um die halbe Periode ausgleichen. Alle diese Gleichungen beschreiben dieselbe Kurve.

Warum schwingen so viele Dinge wie ein Sinus?

Wenn eine Kraft proportional zur Auslenkung zurückzieht, wie bei einer Feder, ergibt die Bewegungsgleichung genau eine Sinus- oder Kosinuswelle. Das steht bei den Schwingungen in den Differentialgleichungen.

Quellen und weiterführende Literatur