Mathematik lernen · Studium
Laplace-Transformation: Differentialgleichungen algebraisch lösen
Die Laplace-Transformation verwandelt Ableitungen in Multiplikationen und Differentialgleichungen in Bruchgleichungen. Du lernst Definition, Tabelle und Rechenregeln, die Rücktransformation mit Partialbrüchen und löst damit Anfangswertprobleme und Schaltvorgänge.
Der Logarithmus macht aus einer Multiplikation eine Addition: Statt rechnet man und geht danach zurück. Die Laplace-Transformation macht etwas Ähnliches mit Differentialgleichungen. Sie ordnet einer Funktion eine neue Funktion zu, bei der aus dem Ableiten eine Multiplikation mit wird. Eine lineare Differentialgleichung mit konstanten Koeffizienten wird so zu einer algebraischen Gleichung, die man nach auflöst. Danach geht man zurück.
Das Verfahren steht in jeder Ingenieur-Mathematik, weil es Anfangswerte automatisch einbaut und unstetige Eingänge wie ein Einschalten leicht behandelt. Du brauchst Differentialgleichungen und Integrale mit unbeschränktem Intervall.
Definition und Beispiele
Die Bedingung an das Wachstum sorgt dafür, dass das Integral für große konvergiert, weil dann schneller fällt als wächst. Die wichtigsten Transformierten rechnest du direkt aus.
- Konstante: für .
- Exponentialfunktion: für .
- Potenzen: Mit partieller Integration ist , also .
- Sinus und Kosinus: Aus und liest man Real- und Imaginärteil ab: und .
| für | |
|---|---|
| Sprungfunktion (0 für , 1 danach) |
Die Rechenregeln
Beweis. Mit partieller Integration ist . Der Randterm bei verschwindet für große wegen des exponentiellen Wachstums, bei bleibt . Zweimaliges Anwenden gibt . Die Anfangswerte stecken also in der Transformierten, man muss sie nicht nachträglich einsetzen.
| Regel | Formel |
|---|---|
| Linearität | |
| Dämpfung (Verschiebung in ) | |
| Zeitverschiebung | für |
| Integration | |
| Multiplikation mit | |
| Faltung | mit |
Die Dämpfungsregel liefert zum Beispiel aus .
Zurück in den Zeitbereich
Nach dem Auflösen steht als Bruch aus Polynomen da. Der Weg zurück ist die Rücktransformation . Sie ist eindeutig, soweit es stetige Funktionen betrifft (Satz von Lerch). Praktisch zerlegt man in Partialbrüche und liest die Teile in der Tabelle ab. Für zwei verschiedene reelle Nullstellen des Nenners ist mit und (Zuhaltemethode: den Faktor streichen und die Nullstelle einsetzen).
Komplexe und mehrfache Nullstellen
Hat der Nenner keine reellen Nullstellen, ergänzt man quadratisch und benutzt die Dämpfungsregel. Für ist . Der Zähler ist , also . Beide Teile stehen in der Tabelle (Kosinus und Sinus mit , um nach links verschoben, das heißt mit dem Faktor ), und es ist . Bei einer doppelten Nullstelle braucht der Ansatz zwei Terme: . Die Zuhaltemethode gibt und , und der Vergleich der Terme bei großem gibt , also . Damit ist . Probe: Für ist , wie es verlangt, und verschwindet bei ebenfalls.
Differentialgleichungen lösen
Das Verfahren hat vier Schritte. Erstens transformiere beide Seiten der Gleichung mit der Differentiationsregel und setze die Anfangswerte ein. Zweitens löse die entstehende algebraische Gleichung nach auf. Drittens zerlege in Partialbrüche. Viertens transformiere zurück.
Ein weiterer Vorteil: Aus liest man die Übertragungsfunktion eines Systems ab, das auf einen Eingang antwortet. Die Pole von bestimmen das Verhalten: Liegen alle in der linken Halbebene , klingen alle Anteile ab, das System ist stabil. Das ist dieselbe Aussage wie bei den Eigenwerten linearer Systeme, denn die Pole sind die Eigenwerte.
Faltung, Übertragungsfunktion und Resonanz
Das Produkt im Bildbereich gehört zur Faltung im Zeitbereich: . Das hat eine physikalische Bedeutung. Antwortet ein System mit der Übertragungsfunktion auf einen Eingang , dann ist die Antwort , im Zeitbereich also mit , der Antwort auf einen kurzen Stoß. Jeder Eingang wird als Folge solcher Stöße aufgefasst, und die Antworten überlagern sich.
Wann existiert die Transformierte?
Das Integral konvergiert, wenn stückweise stetig ist und höchstens exponentiell wächst, also gilt. Dann existiert für alle , und für . Die kleinste Zahl heißt die Konvergenzabszisse. Für ist sie , für und Polynome . Funktionen, die schneller als jede Exponentialfunktion wachsen, wie , haben keine Laplace-Transformierte. Funktionen mit Sprungstellen sind erlaubt, solange es nur endlich viele sind. Das ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber den klassischen Lösungsverfahren, die Differenzierbarkeit voraussetzen.
Zusammenhänge
Die Rücktransformation lässt sich auch als Integral in der komplexen Ebene schreiben, das Bromwich-Integral , das man mit dem Residuensatz der Funktionentheorie auswertet. Setzt man , erhält man die Fourier-Transformation, die Verwandtschaft zu den Fourierreihen ist offensichtlich. Für Folgen statt Funktionen gibt es die Z-Transformation, die mit den erzeugenden Funktionen von der Seite Rekursionen und erzeugende Funktionen verwandt ist: Man erhält sie aus der erzeugenden Funktion durch den Wechsel .
Übungen
Immer neue Aufgaben mit Lösungen gibt es auf dem Blatt Laplace-Transformation.
Geschichte: von Euler zu Heaviside
Die Idee, Lösungen von Differentialgleichungen als Integrale mit einer Exponentialfunktion zu suchen, stammt von Leonhard Euler, der um 1744 Integrale der Form untersuchte. Pierre-Simon Laplace benutzte solche Integrale ab 1782 und wandte die Transformation 1785 im heute üblichen Sinn an, um Differenzengleichungen zu lösen. 1814 schrieb er ausführlich über erzeugende Funktionen, aus denen sich die Integralform entwickelte. Augustin-Louis Cauchy entwickelte 1821 einen Operatorenkalkül. Um 1900 machte der Ingenieur Oliver Heaviside einen Rechenkalkül populär, in dem die Ableitung wie eine Zahl behandelt wird. Er war zunächst nicht streng begründet, aber in der Elektrotechnik sehr erfolgreich. Die strenge Begründung mit der heutigen Transformation lieferten unter anderen Bromwich und später Doetsch. In den Ingenieurwissenschaften setzte sich das Verfahren nach dem Zweiten Weltkrieg durch.
Häufige Fragen
Warum nicht gleich die Fourier-Transformation?
Die Laplace-Transformation braucht nur Funktionen für , sie berücksichtigt Anfangswerte und funktioniert auch für wachsende Funktionen wie , für die das Fourier-Integral nicht konvergiert.
Was ist die Sprungfunktion und die Delta-Funktion?
Die Sprungfunktion (Heaviside-Funktion) ist für und danach. Die Delta-Funktion beschreibt einen unendlich kurzen, unendlich hohen Stoß mit Fläche . Ihre Laplace-Transformierte ist . Ganz streng ist sie eine Distribution und keine Funktion.
Muss ich die Tabelle auswendig lernen?
Nein. In Klausuren gehört die Tabelle meist zur Formelsammlung. Auswendig kannst du die Regel für die Ableitung und die Bausteine , und , denn aus ihnen und den Rechenregeln lassen sich alle anderen Zeilen herleiten.
Funktioniert das auch bei nichtlinearen Gleichungen?
Nein. Die Linearität der Transformation und die Regel machen nur lineare Gleichungen mit konstanten Koeffizienten zu algebraischen Gleichungen. Bei hilft sie nicht.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Laplace-Transformation
- Wikipedia (englisch): Laplace transform
- Erwin Kreyszig: Advanced Engineering Mathematics, Wiley.
- Gustav Doetsch: Einführung in Theorie und Anwendung der Laplace-Transformation, Birkhäuser, Basel.
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