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Studium und SelbststudiumKapitelKap. 13: DifferentialgleichungenLektion 2 von 3

Studium und Selbststudium · Kapitel 13: Differentialgleichungen

Existenz und Eindeutigkeit, Stabilität

Alle Lektionen in Kapitel 13
  1. Differentialgleichungen
  2. Existenz und Eindeutigkeit, Stabilität
  3. Laplace-Transformation: Differentialgleichungen algebraisch lösen
Alle Kapitel von Studium und Selbststudium

Bisher hast du Anfangswertprobleme y′=f(x,y), y(x0)=y0 gelöst und dabei still vorausgesetzt, dass es genau eine Lösung gibt. Das ist nicht selbstverständlich, und auch das Euler-Verfahren ist nur sinnvoll, wenn die Lösung existiert und eindeutig ist. Zwei Beispiele zeigen, was schiefgehen kann.

  • Keine Eindeutigkeit: y′=3y2/3 mit y(0)=0 hat die Lösungen y=0 und y=x3 (denn y′=3x2=3·(x3)2/3) und viele weitere, zum Beispiel y=0 für x≤c und y=(x−c)3 für x>c mit jedem c≥0.
  • Keine globale Existenz: y′=y2 mit y(0)=1 hat die Lösung y=11−x. Sie existiert nur für x<1 und wächst bei x→1 über alle Grenzen.

Hat f eine in y beschränkte partielle Ableitung |∂f∂y|≤L, dann gilt die Bedingung nach dem Mittelwertsatz. Bei f(y)=3y2/3 ist die Ableitung 2y−1/3 in der Nähe von 0 unbeschränkt, die Bedingung ist dort verletzt. Bei f(y)=y2 ist die Ableitung 2y auf jedem beschränkten Bereich beschränkt, aber nicht auf ganz ℝ, und genau das erklärt das Auftreten der Singularität.

Beweisidee. Das Anfangswertproblem ist gleichwertig zur Integralgleichung y(x)=y0+∫x0xf(t,y(t))dt. Auf der rechten Seite steht eine Abbildung T, die einer stetigen Funktion y eine neue stetige Funktion Ty zuordnet; Lösungen sind genau die Fixpunkte von T. Für zwei Funktionen y,z mit dem Abstand ‖y−z‖=max|y(x)−z(x)| gilt

|(Ty)(x)−(Tz)(x)|≤∫x0xL|y(t)−z(t)|dt≤L|x−x0|‖y−z‖.

Auf einem Intervall mit Lα<1 ist T also eine Kontraktion, und der Banachsche Fixpunktsatz liefert genau einen Fixpunkt. Er entsteht als Grenzwert der Picard-Iteration yn+1=Tyn. Für größere Intervalle verwendet man eine gewichtete Norm oder wendet das Argument mehrfach an.

Gilt nur die Stetigkeit von f, dann bleibt nach dem Satz von Peano die Existenz einer Lösung gesichert, die Eindeutigkeit aber nicht, wie das Beispiel y′=3y2/3 zeigt. Die Namen sind historisch gewachsen: Émile Picard entwickelte um 1890 die schrittweise Näherung, Ernst Lindelöf formulierte den Satz in dieser Form 1894. Man spricht auch vom Satz von Cauchy-Lipschitz.

Lineare Systeme

Bei einem System y′=Ay mit konstanter Matrix A ist f(y)=Ay auf ganz ℝn Lipschitz-stetig, und die Lösung existiert für alle x und ist eindeutig. Ist v ein Eigenvektor von A zum Eigenwert λ, dann ist y(x)=eλxv eine Lösung, denn y′=λeλxv=Ay. Die allgemeine Lösung ist die Linearkombination solcher Lösungen. Für A=(1221) gehören der Eigenwert 3 zum Vektor (1,1) und der Eigenwert −1 zum Vektor (1,−1). Also ist

y(x)=c1e3x(11)+c2e−x(1−1).

Mit dem Anfangswert y(0)=(2,0) folgt c1+c2=2 und c1−c2=0, also c1=c2=1. In Matrixform ist die Lösung y(x)=exAy0 mit der Matrix-Exponentialreihe exA=∑k≥0xkAkk!.

Stabilität

Ein Gleichgewicht ist ein Punkt y∗ mit f(y∗)=0. Es heißt asymptotisch stabil, wenn Lösungen, die nahe bei y∗ starten, dorthin zurücklaufen. Bei y′=Ay entscheiden die Eigenwerte: Haben alle Eigenwerte einen negativen Realteil, ist 0 asymptotisch stabil. Hat ein Eigenwert einen positiven Realteil, ist es instabil. Im Beispiel oben ist es wegen λ=3 instabil, ein Sattelpunkt: Lösungen mit c1=0 laufen nach 0, alle anderen laufen weg. Bei einer einzelnen Gleichung y′=f(y) genügt das Vorzeichen von f′(y∗). Für das logistische Wachstum y′=y(1−y) ist f′(y)=1−2y, also ist y∗=0 mit f′(0)=1>0 instabil und y∗=1 mit f′(1)=−1<0 stabil, genau wie es die Wachstumskurven zeigen. Für nichtlineare Systeme untersucht man die Linearisierung, also die Jacobi-Matrix im Gleichgewicht.

Diese Lektion stammt aus der Seite Differentialgleichungen. Dort steht das Thema im Zusammenhang, mit Geschichte und häufigen Fragen.

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