Mathematik lernen · Studium
Jordan-Normalform und Satz von Cayley-Hamilton
Nicht jede Matrix lässt sich diagonalisieren. Die Jordan-Normalform ist das Beste, was man dann noch erreichen kann. Du lernst Jordankästchen und Hauptvektoren, wie man sie ausrechnet und was der Satz von Cayley-Hamilton über das charakteristische Polynom sagt.
Auf der Seite Eigenwerte und Eigenvektoren hast du gelernt, wann eine Matrix sich diagonalisieren lässt: wenn sie genug Eigenvektoren für eine Basis hat. Das klappt nicht immer. Die Matrix hat nur den Eigenwert , doppelt als Nullstelle des charakteristischen Polynoms , aber der Eigenraum ist eindimensional, denn hat Rang 1. Es gibt keine Basis aus Eigenvektoren, ist nicht diagonalisierbar.
Die Jordan-Normalform löst das Problem so gut wie möglich: Über den komplexen Zahlen ist jede quadratische Matrix ähnlich zu einer Blockmatrix aus fast diagonalen Bausteinen, den Jordankästchen. Sie beantwortet, wann zwei Matrizen „dasselbe“ sind (ähnlich), liefert die Potenzen und die Lösung linearer Differentialgleichungssysteme. Mit ihr verwandt ist der Satz von Cayley-Hamilton: Jede Matrix löst ihr eigenes charakteristisches Polynom.
Jordankästchen und der Satz
Die Eindeutigkeit bedeutet: Zwei Matrizen sind genau dann ähnlich, wenn sie dieselbe Jordan-Normalform haben. Die Matrix ist diagonalisierbar genau dann, wenn alle Kästchen die Größe 1 haben. Über braucht man, damit alle Eigenwerte vorkommen, den Umweg über , denn das charakteristische Polynom muss in Linearfaktoren zerfallen (Fundamentalsatz der Algebra, siehe Komplexe Zahlen).
Hauptvektoren
Ein Jordankästchen entspricht einer Kette von Basisvektoren mit
Der erste Vektor ist ein gewöhnlicher Eigenvektor, die übrigen heißen Hauptvektoren (verallgemeinerte Eigenvektoren). In dieser Basis wirkt so: und . Genau das ist die Spalte von . Der Hauptvektor der Stufe liegt im Kern von , aber nicht in dem von .
| Kästchen | diagonalisierbar? | |||
|---|---|---|---|---|
| 3 | 3 | 3 | ja | |
| 2 | 3 | 3 | nein | |
| 1 | 2 | 3 | nein |
Durchgerechnete Beispiele
Anwendungen: Potenzen und Differentialgleichungen
Aus folgt . Die Potenz eines Jordankästchens lässt sich mit der binomischen Formel ausrechnen, denn mit der nilpotenten Matrix (Einsen über der Diagonale, ) und kommutiert mit :
Im Beispiel 1 ist daher . Für ergibt sich , wie man auch direkt nachrechnet.
Ebenso löst man das Differentialgleichungssystem mit und . Für ein Kästchen gilt
Hier erscheint der Term , das Verhalten bei einer doppelten Resonanz. Ohne die Jordan-Form wäre es unverständlich, warum zu einem doppelten Eigenwert eine Lösung der Form gehört.
Der Satz von Cayley-Hamilton
Beweis. Die Adjunkte ist ein Polynom in vom Grad mit Matrixkoeffizienten, . Für sie gilt . Ein Koeffizientenvergleich in liefert , für und . Multipliziert man die Gleichung zu von links mit und addiert alles, heben sich die -Terme gegenseitig auf (Teleskopsumme), und es bleibt .
Vorsicht: Einfach in einzusetzen, ergibt keinen Beweis. Dort steht eine Determinante von Matrizen, nicht die Auswertung eines Polynoms.
Das kleinste Polynom (normiert) mit heißt Minimalpolynom. Es teilt , und es enthält jeden Eigenwert als Nullstelle. In der Jordan-Form ist die Vielfachheit von im Minimalpolynom die Größe des größten Kästchens zu . Eine Matrix ist daher genau dann diagonalisierbar, wenn nur einfache Nullstellen hat. Im Beispiel 2 ist und . Im Beispiel 1 ist .
Typische Fehler
Übungen
Geschichte: von den Elementarteilern zur Normalform
Die Theorie hat zwei Wurzeln. Karl Weierstraß behandelte 1868 bilineare Formen im Komplexen und kannte dabei schon Teile der Theorie. Camille Jordan leitete die Normalform 1870 für Matrizen über endlichen Körpern her und 1871 für komplexe Matrizen, dort bei der Lösung von Differentialgleichungssystemen. Parallel entstand der Satz von Cayley-Hamilton: Hamilton hatte 1853 einen Spezialfall bei Quaternionen bewiesen, Cayley formulierte 1858 die Aussage für Matrizen und bewies sie nur für die Größe 2. Georg Frobenius gab 1878 den ersten allgemeinen Beweis. Die Normalform ist bis heute ein Standardwerkzeug, wenn Eigenvektoren nicht ausreichen.
Häufige Fragen
Wann brauche ich die Jordan-Form wirklich?
Bei Matrizen mit mehrfachen Eigenwerten ohne genug Eigenvektoren: für Potenzen und Matrixexponentialfunktionen, für lineare Differentialgleichungssysteme und zur Klassifikation von Matrizen bis auf Ähnlichkeit. Numerisch wird sie kaum berechnet, weil sie auf kleine Störungen empfindlich reagiert.
Warum hat die Jordan-Form Einsen und nicht irgendwelche Zahlen?
Die Einsen kann man durch Skalieren der Hauptvektoren immer herstellen. Mehr Freiheit gibt es nicht. Deshalb ist die Normalform eindeutig.
Was ist der Unterschied zwischen charakteristischem Polynom und Minimalpolynom?
Das charakteristische Polynom hat den Grad und gibt die algebraischen Vielfachheiten an. Das Minimalpolynom hat den kleinsten Grad unter allen Polynomen, die annullieren, und gibt die Größe der größten Jordankästchen an. Das Minimalpolynom teilt das charakteristische.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Jordansche Normalform
- Wikipedia: Satz von Cayley-Hamilton
- Wikipedia (englisch): Cayley-Hamilton theorem
- Gerd Fischer: Lineare Algebra. Eine Einführung für Studienanfänger, Springer Spektrum, Wiesbaden.
- Siegfried Bosch: Lineare Algebra, Springer Spektrum, Berlin.
- Sheldon Axler: Linear Algebra Done Right, Springer, Cham.
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