Arbeitsblatt · Oberstufe
Wie viel Wein ist im Fass? Kepler rechnet nach
Im Herbst 1613 kaufte Johannes Kepler Wein und wunderte sich, wie der Händler den Inhalt der Fässer mit einer Messrute bestimmte. Du rechnest das Volumen eines Fasses mit dem Integral und mit Keplers Fassregel.
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Für die Lehrkraft: Steckbrief
- Klassenstufe: Oberstufe (Einführungs- oder Qualifikationsphase, nach dem Volumen von Rotationskörpern)
- Zeitbedarf: 45 bis 60 Minuten
- Lernziele: Das Volumen eines Rotationskörpers mit dem Integral berechnen, eine Näherungsformel (Keplers Fassregel) anwenden und ihren Fehler bewerten, den Satz des Pythagoras im Sachzusammenhang nutzen, die Grenzen einer historischen Messmethode einschätzen.
- Material: dieses Blatt, Taschenrechner oder Computeralgebrasystem.
- Bezug zur Lernseite: Fässer und Vasen, Hintergrund bei Johannes Kepler
Ablaufvorschlag
- Einstieg (5 Minuten): Frage: „Wie könnte ein Händler den Inhalt eines Fasses bestimmen, ohne es zu füllen?“ Vorschläge sammeln.
- Geschichte und Abbildung (10 Minuten): Text lesen, die Skizze mit der Visierrute besprechen, das Profil als Funktion einordnen.
- Aufgaben 1 bis 4 (25 Minuten) in Einzel- oder Partnerarbeit.
- Aufgabe 5 als Vertiefung, Aufgabe 6 als Gespräch oder Hausaufgabe.
Kepler und die Weinfässer
Johannes Kepler wurde vor allem als Astronom berühmt. Im Herbst 1613 feierte er in Linz seine zweite Hochzeit und kaufte dafür Wein. Als die Fässer im Keller lagen, bestimmte der Händler ihren Inhalt mit einer Messrute. Er steckte sie schräg durch das Spundloch, das Einfüllloch in der Mitte des Fasses, bis zum Rand eines Bodens. An der Länge der Rute las er den Inhalt ab. Er machte das bei allen Fässern gleich, ob sie bauchig waren oder schlank.
Kepler wunderte sich: Wie kann eine einzige Länge den Rauminhalt festlegen? Aus der Frage wurde ein Buch, die Nova stereometria doliorum vinariorum („Neue Stereometrie der Weinfässer“), 1615 in Linz gedruckt. Kepler berechnete darin Rauminhalte von Körpern, die durch Drehen einer Fläche entstehen. Er dachte sich die Körper aus unendlich vielen dünnen Scheiben zusammengesetzt. Das ist der Gedanke, aus dem später das Integral wurde. Aus seinem Verfahren ging eine Rechenregel hervor, die Keplersche Fassregel. Sie schätzt den Inhalt aus drei Querschnitten: unten, in der Mitte und oben.
Wir rechnen mit einem Modellfass. Es ist 1 m lang, in der Mitte reicht es 0,4 m und an den Böden 0,3 m von der Achse nach außen. Sein Profil ist die Parabel mit der Gleichung für . Die Maße sind ein Modell, nicht die Maße eines echten Fasses.
Aufgaben
- Die Visierrute führt im Modellfass vom Spundloch (oben in der Mitte) bis zum unteren Rand des rechten Bodens. Berechne ihre Länge mit dem Satz des Pythagoras. Nutze die Maße aus dem Text: Länge 1 m, Radius in der Mitte 0,4 m, Radius am Boden 0,3 m.
- Das Fass entsteht, wenn der Graph von im Intervall von −0,5 bis 0,5 um die x-Achse rotiert (Längen in Meter). Berechne das Volumen mit und gib es in Litern an. Es gilt 1 m³ = 1.000 Liter.
- Keplers Fassregel lautet . Dabei ist L die Länge des Fasses, und sind die Kreisflächen der beiden Böden, ist die Kreisfläche in der Mitte. Berechne damit das Volumen des Modellfasses. Wie weit liegt die Schätzung vom Wert aus Aufgabe 2 entfernt, in Litern und in Prozent?
- Ein Zylinder der Länge 1 m soll dieselbe Visierrute haben wie das Modellfass: Die Rute führt vom Spundloch in der Mitte oben bis zum unteren Rand eines Bodens. Berechne seinen Radius und sein Volumen in Litern. Was sagt der Vergleich mit Aufgabe 2 über das Messen mit der Visierrute?
- Knifflig: Zeige, dass die Fassregel für eine Kugel mit dem Radius R genau das Kugelvolumen liefert. Betrachte die Kugel als Körper der Länge . Die Querschnitte an den Enden sind Punkte, ihre Fläche ist 0.
- Kepler dachte sich Körper aus dünnen Scheiben zusammengesetzt. Erkläre mit eigenen Worten, wie diese Idee zur Formel passt. Recherchiere außerdem, wie die Fassregel heute in der Mathematik heißt.
Lösungen
- Das Spundloch liegt 0,4 m über der Achse, der untere Rand des Bodens 0,3 m unter der Achse. Der senkrechte Abstand ist 0,4 + 0,3 = 0,7 m. Der waagerechte Abstand von der Mitte bis zum Boden ist 0,5 m. Länge der Rute: m.
- Quadrieren: . Eine Stammfunktion ist . Es gilt , und weil die Funktion symmetrisch ist, ist . Damit m³, also etwa 425,2 Liter. Genau ist m³.
- m². m². Damit m³, also etwa 429,4 Liter. Die Schätzung liegt um etwa 4,2 Liter über dem Integralwert, das sind etwa 1,0 Prozent. Die Fassregel ist also sehr genau.
- Für den Zylinder gilt: senkrechter Abstand zwischen Spundloch und unterem Rand ist , der waagerechte Abstand ist 0,5 m. Die Rute hat dieselbe Länge wie im Fass, also (Aufgabe 1). Es gilt . Also , und m. Das Volumen ist m³, also etwa 384,8 Liter. Das sind etwa 40 Liter oder 9,5 Prozent weniger als beim Fass (425,2 Liter). Erwartungshorizont: Zwei Körper mit derselben Visierrute können verschieden viel fassen. Die Rute liefert nur dann einen guten Inhalt, wenn alle Fässer ähnlich gebaut sind, zum Beispiel mit ähnlichem Verhältnis von Länge zu Bauch. Kepler fragte sich genau, warum das Verfahren für gebräuchliche Fässer trotzdem gut passt.
- Mit , und folgt . Das ist genau das Volumen einer Kugel. Die Fassregel ist für die Kugel also exakt.
- Erwartungshorizont: Man zerlegt den Körper in sehr dünne Scheiben der Dicke dx. Jede Scheibe ist fast ein Zylinder mit dem Radius y, ihr Volumen ist ungefähr . Addiert man alle Scheiben, entsteht das Integral . Die Fassregel heute heißt Simpson-Regel (Verfahren der numerischen Integration). Sie ersetzt das Profil durch Parabelstücke und liefert für Polynome bis zum Grad 3 den exakten Wert.
Hinweise für die Lehrkraft
- Typische Schwierigkeiten: Im Integral wird y statt y² verwendet oder der Faktor π vergessen. Beim Quadrieren des Binoms fehlt der Mittelterm. Der Umrechnungsfaktor von m³ in Liter wird vertauscht. Bei der Visierrute wird mit dem Durchmesser statt mit dem Radius gerechnet. Tipp: Eine Skizze mit allen Maßen anfertigen lassen.
- Leichter: Aufgaben 1, 3 und 4. Die Stammfunktion aus Aufgabe 2 vorgeben, die drei Querschnittsflächen bereitstellen.
- Schwerer: Die Fassregel für ein allgemeines Profil herleiten: Gilt sie exakt für Polynome y² bis zum Grad 3? Der Fehler im Modell (etwa 1 Prozent) kommt daher, dass hier den Grad 4 hat. Kegelstumpf und Zylinder nachrechnen. Weitere Profile vergleichen, zum Beispiel einen Kegelstumpf mit den Radien 0,3 und 0,4.
- Quellenlage: Kepler stieß 1613 in Linz auf das Problem, die Nova stereometria erschien 1615. Das Modellfass in diesem Blatt hat frei gewählte Maße und eine parabelförmige Seitenlinie. Echte Fässer sind anders gebaut. Die Fassregel ist dieselbe Rechnung wie die später nach Simpson benannte Regel.
- Weiterführung: Numerische Integration, Volumen anderer Rotationskörper (Kugel, Kegel, Paraboloid) bei den Aufgaben zu Rotationskörpern, Integrale allgemein bei der Integralrechnung.
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