Mathematiker · Hellenistische Mathematik
Hypatia von Alexandria
Hypatia lehrte im spätantiken Alexandria Mathematik und Philosophie und wurde 415 ermordet. Von ihr selbst ist kein Text erhalten, und vieles, was über sie erzählt wird, ist Legende.
Hypatia von Alexandria (um 355 bis 415 n. Chr.) war eine griechische Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Sie lehrte in Alexandria, damals eine der größten Städte des Römischen Reiches, und genoss hohes Ansehen. Sie gehört zu den wenigen Frauen der Antike, über die mehrere Quellen berichten. Im März 415 wurde sie von einer aufgehetzten Menge ermordet.
Von Hypatia selbst ist nichts erhalten, und keine mathematische Aussage lässt sich ihr mit Sicherheit zuschreiben. Das hat Folgen: Ihre wissenschaftliche Bedeutung wird oft überschätzt, ihr Bild ist von Legenden geprägt, von Romanen des 19. Jahrhunderts bis zum Film Agora (2009). Diese Seite trennt Belegtes von Erfundenem.
Leben: Tochter des Theon
Alexandria war die Hauptstadt der Ptolemäer gewesen und besaß das Museion, ein berühmtes Forschungszentrum mit Bibliothek (siehe hellenistische Mathematik). Im 4. Jahrhundert n. Chr. war die Stadt mehrheitlich christlich, doch heidnische Gelehrte lehrten weiter. Hypatias Vater Theon war Astronom und Mathematiker. Er schrieb einen Kommentar zum Almagest des Ptolemäus und gab die Elemente Euklids neu heraus. Fast alle mittelalterlichen Euklid-Handschriften gehen auf seine Ausgabe zurück; nur eine Handschrift im Vatikan, die 1808 entdeckt wurde, bewahrt eine ältere Fassung. Ob und wie weit Hypatia daran beteiligt war, ist unbekannt.
Hypatia lernte bei ihrem Vater Mathematik und Astronomie und unterrichtete später selbst. Nach Damaskios legte sie Schülern die Lehren Platons und Aristoteles’ aus, im Philosophenmantel und teilweise in aller Öffentlichkeit. Unter ihren Schülern waren auch Christen. Der berühmteste, Synesios von Kyrene, wurde später Bischof und schrieb ihr sieben erhaltene Briefe. In einem bittet er sie, ihm ein Hydroskop bauen zu lassen, ein Gerät zur Messung der Dichte von Flüssigkeiten. Hypatia blieb unverheiratet und gehörte zum Umfeld des römischen Präfekten Orestes.
Mathematisches Werk: Lehrerin, Bearbeiterin, Bewahrerin
Das byzantinische Lexikon Suda (10. Jahrhundert) nennt drei Werke Hypatias: einen Kommentar zur Arithmetica des Diophantos, einen zu den Kegelschnitten des Apollonios und einen „Astronomischen Kanon“, vielleicht eine Erläuterung zu Ptolemäus. Sonst wird keines dieser Werke erwähnt, sie gingen früh verloren. Belegt ist dagegen eine Notiz Theons in der ältesten Handschrift seines Almagest-Kommentars: Das dritte Buch sei eine „von der Philosophin Hypatia, meiner Tochter“ durchgesehene Ausgabe. Ob sie die Abschrift prüfte oder den Kommentar überarbeitete, bleibt offen. Manche Forscher sehen in ihr deshalb vor allem eine Lehrerin und Bearbeiterin älterer Werke.
Bei Apollonios geht es um Kegelschnitte: Kurven, die entstehen, wenn eine Ebene einen Kegel schneidet. Die Namen Ellipse, Parabel und Hyperbel stammen von ihm.
| Die Ebene schneidet den Kegel | Ergebnis | Beispiel |
|---|---|---|
| quer zur Achse | Kreis | Rand eines Glases |
| schräg, aber flacher als die Mantellinie | Ellipse | Planetenbahn |
| parallel zur Mantellinie | Parabel | Flugbahn eines Balls |
| steiler, durch beide Kegelhälften | Hyperbel | Bahn mancher Kometen |
Tod und Legende
Seit 412 war Kyrill Patriarch von Alexandria, und er geriet bald mit dem Präfekten Orestes in einen erbitterten Machtkampf. Hypatia, die dem Präfekten nahestand, wurde zur Zielscheibe. Nach dem zeitnahen Bericht des Kirchenhistorikers Sokrates Scholastikos verbreitete sich das Gerücht, sie hindere eine Versöhnung der beiden. Im März 415 überfiel eine Gruppe christlicher Eiferer unter einem Lektor namens Petros sie auf offener Straße und tötete sie in einer Kirche. Sokrates verurteilt die Tat ausdrücklich als unchristlich. Ob Kyrill die Tat anstiftete oder billigte, ist seit langem umstritten. Eine Anklage blieb folgenlos. Manche Forscher geben auch 416 als Todesjahr an.
Zeitleiste: Hypatia und ihre Zeit
- um 355 n. Chr. Geburt in Alexandria (Jahr unsicher).
- 391 n. Chr. Das Serapeum, ein großes Heiligtum Alexandrias, wird unter Patriarch Theophilos zerstört.
- um 395 n. Chr. Synesios von Kyrene studiert bei Hypatia (letztes Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts).
- 412 n. Chr. Kyrill wird Patriarch von Alexandria.
- März 415 n. Chr. Ermordung Hypatias.
- um 440 n. Chr. Sokrates Scholastikos beschreibt die Ereignisse in seiner Kirchengeschichte.
- 1720 John Toland idealisiert Hypatia in einem Essay als Opfer der Kirche.
- 1853 Charles Kingsleys Roman Hypatia macht sie weltweit bekannt.
- 2009 Der Film Agora kommt in die Kinos.
Bedeutung heute: Symbol und Mahnung
Hypatia ist zum Sinnbild der Frau in der Wissenschaft geworden, und mehrere Zeitschriften tragen ihren Namen. Zugleich ist sie ein Lehrstück für den Umgang mit Quellen: Wo kaum Belege vorliegen, füllt jede Epoche die Lücken nach ihren eigenen Wünschen. Aufklärer sahen in ihr ein Opfer kirchlichen Fanatismus, Romanautoren eine schöne Märtyrerin, der Film eine verkannte Astronomin. Wer die Quellen liest, findet eine Lehrerin, die ihre Stadt prägte, Wissen weitergab und ein Opfer von Gewalt wurde.
Quellen und weiterführende Literatur
- Maria Dzielska: Hypatia of Alexandria, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1995.
- Edward J. Watts: Hypatia. The Life and Legend of an Ancient Philosopher, Oxford University Press, Oxford 2017.
- Henriette Harich-Schwarzbauer: Hypatia. Die spätantiken Quellen, Peter Lang, Bern 2011.
- MacTutor History of Mathematics: Hypatia of Alexandria (englisch)





