Mathematik lernen · Oberstufe, Studium
Newton-Verfahren
Manche Gleichungen lassen sich nicht auflösen. Das Newton-Verfahren verbessert einen Startwert Schritt für Schritt mit der Tangente und liefert Nullstellen in wenigen Schritten sehr genau. Du lernst die Formel, ihre Herleitung, das Abbrechen und die Stolperfallen.
Das Newton-Verfahren ist ein Rechenverfahren, mit dem du Lösungen einer Gleichung näherungsweise findest. Eine solche Lösung heißt Nullstelle von f. Du brauchst es, wenn sich die Gleichung nicht auflösen lässt, zum Beispiel bei oder bei .
Du startest mit einem geschätzten Wert und verbesserst ihn mit der Tangente der Funktion. Dieses wiederholte Verbessern heißt Iteration. Die Tangente ist eine Gerade, die den Graphen an einer Stelle berührt. Ihre Steigung ist die Ableitung . Mit dem Ableitungsrechner kontrollierst du sie.
Die Idee mit der Tangente
Stell dir den Graphen von vor. Seine Nullstelle suchst du. Du rätst den Startwert und gehst auf der Kurve zum Punkt . Dort legst du die Tangente an. Die Kurve selbst ist krumm, die Tangente ist eine Gerade, und deren Nullstelle ist leicht zu finden. Sie liegt bei und ist schon viel näher an als .
Mit wiederholst du alles: Punkt auf der Kurve, Tangente, Nullstelle der Tangente. So entsteht . Die Werte rücken immer näher an die Nullstelle heran.
Die Formel
Die Tangente im Punkt hat die Steigung . Ihre Gleichung ist
Für ihre Nullstelle setzt du und löst nach x auf. Aus folgt . Diesen Wert nennst du .
Das Minus passt zur Anschauung: Ist positiv und die Kurve steigt, liegt die Nullstelle links von , und du musst nach links gehen.
Beispiel: Die Wurzel aus 2
Du suchst als Nullstelle von . Mit lautet die Formel
Der neue Wert ist also der Mittelwert aus und . Ist zu klein, ist zu groß, und der Mittelwert liegt dazwischen. Dieses Verfahren kennst du als Heron-Verfahren (siehe Wurzelziehen nach Heron). Es ist ein Sonderfall des Newton-Verfahrens.
| Schritt | Fehler | |
|---|---|---|
| 0 | 1 | |
| 1 | 1,5 | |
| 2 | 1,41667 | |
| 3 | 1,4142157 | |
| 4 | 1,41421356237 |
Nach vier Schritten stimmen schon zwölf Nachkommastellen. Die Fehler schrumpfen sehr schnell: 0,086 wird zu 0,0025 und das zu 0,000002.
Newtons eigenes Beispiel
Isaac Newton führte das Verfahren um 1669 an der Gleichung vor. Mit und lautet die Formel
Als Startwert eignet sich : Es ist und . Die Funktion wechselt zwischen 2 und 3 das Vorzeichen, also liegt dort eine Nullstelle.
| Schritt | Fehler | |
|---|---|---|
| 0 | 2 | |
| 1 | 2,1 | |
| 2 | 2,0945681 | |
| 3 | 2,0945514817 | |
| 4 | 2,0945514815423266 | |
| 5 | 2,094551481542… | unter |
Die Nullstelle ist . Zur Probe: .
Warum so schnell? Quadratische Konvergenz
Schau auf die Spalte „Fehler“ der Tabelle: , dann , dann , dann . Die Zahl der richtigen Stellen verdoppelt sich ungefähr: 1, 2, 4, 9, 19. Das nennt man quadratische Konvergenz. Der neue Fehler ist etwa ein Vielfaches vom Quadrat des alten:
Dabei ist der Fehler im Schritt n und die gesuchte Nullstelle. Bei Newtons Beispiel ist : Es ist . Quadriert man eine kleine Zahl wie 0,005, wird sie winzig, und deshalb gewinnt jeder Schritt so viele Stellen.
Das gilt, wenn ist und der Startwert nah genug an der Nullstelle liegt. Bei einer doppelten Nullstelle wie ist die Konvergenz nur noch linear: Aus folgt , der Fehler wird in jedem Schritt nur halbiert.
Wann hörst du auf?
Die wahre Nullstelle kennst du nicht, also kannst du den Fehler nicht ausrechnen. Du brauchst ein Abbruchkriterium. Üblich ist:
- Der Abstand zweier Näherungen ist klein: mit einer Schranke , zum Beispiel .
- Zusätzlich eine Höchstzahl an Schritten, damit die Rechnung bei Zyklen nicht ewig läuft.
Bei Newtons Beispiel sind die Schrittweiten , dann , dann und dann . Mit hörst du nach dem vierten Schritt auf. Wegen der quadratischen Konvergenz ist dann sogar viel genauer als verlangt. Die Schrittweite ist nämlich ungefähr der Fehler des vorigen Wertes.
Vorsicht: Ein kleiner Funktionswert allein beweist nicht, dass du nah an der Nullstelle bist, wenn die Kurve dort sehr flach verläuft.
Wann das Verfahren scheitert
Das Newton-Verfahren ist schnell, aber nicht narrensicher. Es gibt vier typische Probleme.
- Waagerechte Tangente: Ist , gibt es keinen Schnittpunkt der Tangente mit der x-Achse, und die Formel verlangt eine Division durch null. Bei funktioniert der Startwert 0 deshalb nicht. Auch ein sehr kleines wirft den nächsten Wert weit weg.
- Zyklus: Bei und dem Startwert 0 ergibt sich und danach wieder . Das Verfahren pendelt für immer zwischen 0 und 1, die echte Nullstelle bei etwa findet es nie.
- Divergenz: Bei mit der Nullstelle 0 gilt . Aus dem Startwert 1 wird , dann , dann . Die Werte laufen weg statt hin.
- Falsche Nullstelle: Hat f mehrere Nullstellen, landet das Verfahren bei einer, die vom Startwert abhängt, und nicht unbedingt bei der, die du suchst.
Vergleich mit der Intervallhalbierung
Ein zweites Verfahren, das du kennen solltest, ist die Intervallhalbierung (Bisektion). Du brauchst zwei Stellen und mit verschiedenem Vorzeichen von . Dann liegt zwischen ihnen eine Nullstelle. Du berechnest die Mitte des Intervalls und behältst die Hälfte, an deren Rändern weiter das Vorzeichen wechselt. Jeder Schritt halbiert das Intervall.
Bei auf ist die Länge nach n Schritten . Damit der Mittelpunkt garantiert höchstens von der Nullstelle entfernt ist, braucht es 39 Halbierungen, denn . Das Newton-Verfahren schafft mehr als diese Genauigkeit in vier Schritten.
| Newton-Verfahren | Intervallhalbierung | |
|---|---|---|
| Schritte für 12 Stellen (Beispiel) | 4 | 39 (garantiert) |
| Konvergenz | quadratisch: Stellen verdoppeln sich | linear: nur etwa 0,3 Dezimalstellen pro Schritt |
| Braucht | Ableitung und guten Startwert | Vorzeichenwechsel in einem Intervall |
| Sicherheit | kann scheitern | klappt immer, wenn f stetig ist |
In der Praxis kombiniert man beide: Erst grenzt man die Nullstelle durch einige Halbierungen ein, dann verfeinert man mit dem Newton-Verfahren. Ist die Ableitung schwer zu berechnen, ersetzt man sie durch eine Sekantensteigung. Das heißt Sekantenverfahren und ist etwas langsamer.
Rechnen lässt sich das Verfahren auch mit dem Newton-Verfahren-Rechner, und der Gleichungslöser hilft bei Gleichungen, die sich exakt lösen lassen.
Typische Fehler
Übungen
Mehr Aufgaben findest du unter Newton-Verfahren: Aufgaben.
Geschichte: von Babylon bis Raphson
Die Grundidee ist viel älter als Newton. Schon die Babylonier benutzten es für Quadratwurzeln, und Heron von Alexandria beschrieb das Verfahren in seiner Metrika. Das ist der Sonderfall für Wurzeln, den du oben gerechnet hast.
Isaac Newton verallgemeinerte die Idee auf beliebige Polynome. Er schrieb sie 1669 in seiner Schrift De analysi auf, die erst 1711 gedruckt wurde. Seine Rechnung sah anders aus als unsere Formel: Er suchte nach jedem Schritt eine neue Gleichung für die Korrektur. Zum ersten Mal gedruckt wurde das Verfahren 1685 in der Algebra von John Wallis. Joseph Raphson veröffentlichte 1690 eine vereinfachte Fassung, bei der man die Korrektur direkt aus dem Polynom berechnet. Deshalb heißt es auch Newton-Raphson-Verfahren.
Die heutige Form mit der Ableitung stammt von Thomas Simpson. Erst durch sie ließ sich das Verfahren auf beliebige differenzierbare Funktionen anwenden. Mehr zur Zeit, in der das alles entstand, steht unter Mathematik des 17. Jahrhunderts.
Häufige Fragen
Wie wähle ich den Startwert?
Zeichne den Graphen oder suche zwei Stellen mit verschiedenem Vorzeichen von . Nimm einen Wert in der Nähe der Nullstelle, an dem die Kurve nicht fast waagerecht verläuft.
Findet das Verfahren alle Nullstellen?
Nein. Es liefert pro Start nur eine Nullstelle, und zwar eine in der Nähe des Startwerts, meist die nächste. Für weitere Nullstellen brauchst du weitere Startwerte.
Wie viele Schritte braucht man?
Bei einem guten Startwert meist drei bis sechs. Danach hat man auf dem Taschenrechner schon alle Stellen, die er anzeigt.
Warum heißt es auch Newton-Raphson-Verfahren?
Weil Joseph Raphson es 1690 in einer einfacheren Form veröffentlichte, die der heutigen schon sehr nahe kommt.
Was tue ich, wenn ich die Ableitung nicht kenne?
Du kannst sie durch einen Differenzenquotienten ersetzen. Das ist das Sekantenverfahren. Es ist etwas langsamer, braucht aber keine Ableitung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia: Newtonverfahren
- Wikipedia: Heron-Verfahren
- Wikipedia: Bisektion
- Wikipedia: Newtonfraktal
- Joseph Raphson: Analysis aequationum universalis, London 1690.
- MacTutor History of Mathematics: Isaac Newton (englisch)




