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Frauen, die die Mathematik geprägt haben

Über Jahrhunderte durften Frauen nicht studieren, nicht publizieren oder keine Professur annehmen. Trotzdem gab es Mathematikerinnen, die Hürden umgingen. Der Beitrag zeigt zu jeder Pionierin die eine Hürde, die sie nehmen musste, und was sie hinterlassen hat.

Fotografie der Mathematikerin Sofja Kowalewskaja aus den 1880er-Jahren
Fotografie der Mathematikerin Sofja Kowalewskaja aus den 1880er-Jahren Bild: Dieses Bild wurde digital nachbearbeitet. Folgende Änderungen wurden vorgenommen: colorized. Bearbeitet von GinnevraD…, Public domain · Wikimedia Commons

Die Geschichte der Mathematik wird meist als Geschichte von Männern erzählt, und das hat einen Grund: Frauen waren lange von dem ausgeschlossen, was Mathematik zum Beruf macht. Universitäten, Akademien, Zeitschriften und Professuren standen ihnen bis ins 20. Jahrhundert hinein oft nicht offen. Dieser Beitrag folgt einem roten Faden. Er fragt bei jeder Pionierin nicht nach dem ganzen Leben, das auf den verlinkten Biografien steht, sondern nach der einen Hürde, die sie überwinden musste, und wie ihr das gelang.

Hypatia: Wenn nur die Legende bleibt

Hypatia (um 355 bis 415 n. Chr.) lehrte im spätantiken Alexandria Mathematik und Philosophie und war die bekannteste Gelehrte ihrer Zeit. Ihre Hürde war nicht das Studium, denn ihr Vater Theon war selbst Mathematiker. Die Hürde war die Überlieferung: Von ihr selbst ist kein Text erhalten, nach dem Lexikon Suda schrieb sie Kommentare zu Diophant und Apollonios, doch alle sind verloren. Was wir wissen, steht in Briefen ihres Schülers Synesios und in späteren Berichten über ihre Ermordung im Jahr 415. Je weniger Quellen es gibt, desto mehr Legende wächst. Wo die Grenze zwischen beidem verläuft, zeigt die Biografie.

Du Châtelet und Agnesi: Gelehrsamkeit ohne Lehrstuhl

Im 18. Jahrhundert standen Universitäten und Akademien Frauen fast überall verschlossen (siehe Mathematik des 18. Jahrhunderts). Émilie du Châtelet (1706–1749) schrieb ein Lehrbuch zur Naturphilosophie und übersetzte Newtons Principia ins Französische, mit eigenem Kommentar. Die Übersetzung erschien 1756, sieben Jahre nach ihrem Tod, und ist bis heute die maßgebliche französische Ausgabe.

Maria Gaetana Agnesi (1718–1799) schrieb 1748 in Mailand ein Lehrbuch der Differential- und Integralrechnung, die Instituzioni analitiche. Papst Benedikt XIV. ernannte sie 1750 zur Professorin in Bologna, doch sie nahm die Stelle nach Angaben von Britannica nie an und widmete sich später der Wohltätigkeit. Ihr Name hängt an einer Kurve, die im Englischen „Hexe der Agnesi“ heißt (siehe Kasten unten).

Sophie Germain: Ein Mann auf dem Papier

Als Sophie Germain (1776–1831) nach der Revolution in Paris Mathematik lernen wollte, durfte sie die École polytechnique nicht besuchen. Sie besorgte sich Vorlesungsmitschriften, schickte Arbeiten unter dem Namen eines echten Studenten, „Monsieur Le Blanc“, an Lagrange und schrieb ab 1804 auch an Carl Friedrich Gauß. Als 1806 französische Truppen Braunschweig besetzten, bat sie einen General, auf Gauß aufzupassen, und gab dabei ihre Identität preis. Gauß schrieb ihr voller Anerkennung zurück. Germains Satz zu Fermats Gleichung und ihre Theorie schwingender Platten, für die sie 1816 einen Preis der Pariser Akademie gewann, zeigen, dass die Maske nicht nötig gewesen wäre. Sie war nötig, damit man ihr überhaupt zuhörte.

Ada Lovelace: Initialen statt Namen

Für Ada Lovelace (1815–1852), Tochter des Dichters Lord Byron, lag die Hürde im Namen. Sie übersetzte 1843 einen Aufsatz über Charles Babbages Analytical Engine und fügte sieben eigene Anmerkungen hinzu, die länger waren als der Text selbst. In der letzten, der Note G, zeigte sie, wie sich Bernoulli-Zahlen mit der Maschine berechnen ließen. Die Anmerkungen erschienen nur mit den Initialen der Verfasserin. Dass eine Gräfin wissenschaftlich schrieb, galt als unschicklich. Heute gilt Note G als erster veröffentlichter Maschinenalgorithmus, und eine Programmiersprache trägt ihren Namen. Wie groß ihr eigener Anteil an Babbages Ideen war, wird bis heute diskutiert.

Sofja Kowalewskaja: Der Weg über die Scheinehe

In Russland durften Frauen um 1860 nicht studieren und nur mit Erlaubnis von Vater oder Ehemann ins Ausland reisen. Sofja Kowalewskaja (1850–1891) heiratete deshalb 1868 den Studenten Wladimir Kowalewski. Die Ehe sollte ihr die Freiheit zum Studium schaffen. Sie ging nach Heidelberg und dann nach Berlin, wo sie Privatunterricht bei Karl Weierstraß bekam, weil die Berliner Universität Frauen nicht zuließ. 1874 promovierte die Universität Göttingen sie mit Auszeichnung, ohne dass sie zur mündlichen Prüfung anreisen musste. Als Mathematikerin war sie nun anerkannt, einen Posten fand sie dennoch jahrelang nicht. Erst 1883 holte sie Gösta Mittag-Leffler an die Hochschule Stockholm, wo sie ab 1884 eine Professur hatte. 1888 gewann sie den Prix Bordin der Pariser Akademie für eine neue Lösung des Kreiselproblems.

Emmy Noether: Habilitation erst nach der Revolution

Emmy Noether (1882–1935) hatte ihre Hürde in Göttingen vor sich, wo David Hilbert sie 1915 haben wollte. Das preußische Ministerium ließ Frauen nicht zur Habilitation zu, also kündigte Hilbert Vorlesungen unter seinem Namen an, die sie hielt. Erst nach der Revolution von 1918 durfte sie sich 1919 habilitieren. Eine ordentliche Professur erhielt sie nie. Ihre Leistungen blieben davon unberührt: Das Noether-Theorem (1918) verknüpft Symmetrien mit Erhaltungssätzen der Physik, und ihre abstrakte Algebra veränderte die Mathematik des 20. Jahrhunderts. Auf dem Internationalen Mathematikerkongress 1932 in Zürich hielt sie einen Plenarvortrag.

Porträt der Mathematikerin Emmy Noether um 1900
Emmy Noether um 1900. Bild: Autor/-in unbekanntUnknown author Publisher: Mathematical Association of America [3], Brooklyn Museum [4], Agnes Scot…, Public domain · Wikimedia Commons

Katherine Johnson und die Rechnerinnen der NASA

Im 20. Jahrhundert hießen Menschen, die Bahnen und Flugdaten mit Papier und Rechenschieber auswerteten, „Computer“, und viele von ihnen waren Frauen. Eine davon war Katherine Johnson (1918–2020). Sie arbeitete beim NASA-Standort Langley in Virginia, zunächst in einer nach Hautfarbe getrennten Gruppe von Rechnerinnen. Sie berechnete Flugbahnen für die frühen bemannten Raumflüge. Die Hürde war hier doppelt: Geschlecht und Hautfarbe. Der Überlieferung nach verlangte der Astronaut John Glenn vor seinem Orbitalflug im Februar 1962, dass sie die Zahlen des neuen elektronischen Rechners von Hand überprüft. Das genaue Wort ist nicht gesichert, der Kern der Geschichte gilt als gut belegt. 2015 erhielt Johnson die Presidential Medal of Freedom.

Mirzakhani, Uhlenbeck, Viazovska, Wang: Die Preise

Die höchsten Preise der Mathematik gingen lange nur an Männer. Maryam Mirzakhani (1977–2017), aufgewachsen in Teheran, erhielt 2014 als erste Frau und erste Iranerin die Fields-Medaille. Sie starb 2017 mit 40 Jahren. 2019 wurde Karen Uhlenbeck als erste Frau mit dem Abelpreis ausgezeichnet, für Arbeiten zu geometrischen Differentialgleichungen. Schon 1990 hatte sie als zweite Frau nach Emmy Noether einen Plenarvortrag beim Internationalen Mathematikerkongress gehalten, 58 Jahre nach Noethers Vortrag.

2022 folgte Maryna Viazovska mit der Fields-Medaille, und am 23. Juli 2026 gab die Internationale Mathematische Union beim Kongress in Philadelphia bekannt, dass auch Hong Wang die Fields-Medaille erhält. Sie ist nach Mirzakhani und Viazovska die dritte Frau mit dieser Auszeichnung und wurde in Guilin in China geboren. Sie arbeitet in der harmonischen Analysis, und ihr Beweis der dreidimensionalen Kakeya-Vermutung (gemeinsam mit Joshua Zahl, vorgelegt im Februar 2025) war einer der großen Durchbrüche der letzten Jahre. Mehr zu dieser Zeit in der Epoche Mathematik im 21. Jahrhundert.

Was die Geschichte zeigt

Zwei Muster wiederholen sich. Erstens gab es Frauen mit mathematischem Talent in jeder Epoche, aber sie brauchten Umwege: einen Männernamen, eine Scheinehe, einen Förderer, der Vorlesungen unter seinem Namen ankündigte. Zweitens wurde die Hürde erst durch Gesetze und Regeln beseitigt, nicht durch Einzelleistungen allein. Dass Noether 1919 habilitieren durfte, lag an der politischen Wende nach der Revolution, nicht an einem plötzlichen Sinneswandel der Fakultät. Wer heute Mathematik studiert, steht auf den Schultern dieser Pionierinnen. Wie viele Frauen die Mathematik in Zukunft prägen, hängt weiterhin davon ab, wie offen Schulen und Hochschulen sind.

Quellen und weiterführende Literatur

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