Mathematik lernen · Studium

Funktionenfolgen, gleichmäßige Konvergenz und Potenzreihen

Wenn Funktionen gegen eine Funktion konvergieren, bleibt nicht automatisch alles erhalten: Grenzfunktionen stetiger Funktionen können Sprünge haben. Du lernst gleichmäßige Konvergenz, das Weierstraß-Kriterium und den Konvergenzradius von Potenzreihen.

Eine Funktionenfolge (fn) ordnet jedem n eine Funktion fn zu, zum Beispiel fn(x)=xn. Ob sie „gegen eine Funktion f konvergiert“, kann man auf zwei Arten verstehen. Man kann an jeder Stelle x einzeln den Grenzwert der Zahlenfolge fn(x) bilden (punktweise), oder man verlangt, dass der größte Abstand zwischen fn und f über alle x gleichzeitig gegen 0 geht (gleichmäßig). Der Unterschied entscheidet, ob Stetigkeit, Integral und Ableitung beim Grenzübergang erhalten bleiben.

Hier lernst du beide Begriffe an Beispielen, die wichtigen Sätze mit Beweis, Funktionenreihen mit dem Weierstraß-Kriterium und Potenzreihen mit Konvergenzradius. Die Grundlagen zu Zahlenreihen stehen auf der Seite Reihen und Konvergenzkriterien, die Taylorreihen als wichtigste Anwendung auf der Seite Taylorreihen.

Punktweise Konvergenz

Das N darf also von x abhängen. Das ist der entscheidende Punkt, der später zu Problemen führt.

Gleichmäßige Konvergenz

Jetzt hängt N nicht mehr von x ab. Geometrisch liegt der Graph von fn für alle großen n komplett in einem Schlauch der Breite ε um den Graphen von f. Gleichmäßige Konvergenz ist stärker als punktweise. Zum Prüfen berechnet man das Supremum des Abstands.

Gleichmäßige oder nur punktweise Konvergenz?
FolgeGrenzfunktionsup|fn−f|gleichmäßig?
fn(x)=xn auf [0,1]01n→0ja
fn(x)=xn auf ℝ0∞nein
fn(x)=xn auf [0,1]springt bei 11 (für alle n)nein
fn(x)=xn auf [0,a] mit a<10an→0ja
fn(x)=sin(nx)n auf ℝ01n→0ja

Zur dritten Zeile: Für x nahe bei 1 ist xn nahe bei 1, obwohl der Grenzwert 0 ist. Zu jedem n findest du ein x<1 mit xn=12, nämlich x=2−1/n. Also ist das Supremum des Abstands nicht klein, und es fehlt jede Gleichmäßigkeit.

Stetigkeit der Grenzfunktion

Beweis (mit der ε/3-Methode). Sei a∈D und ε>0. Wähle n so groß, dass |fn(x)−f(x)|<ε3 für alle x∈D gilt. Wegen der Stetigkeit von fn in a gibt es ein δ>0 mit |fn(x)−fn(a)|<ε3 für |x−a|<δ. Für solche x folgt

|f(x)−f(a)|≤|f(x)−fn(x)|+|fn(x)−fn(a)|+|fn(a)−f(a)|<ε3+ε3+ε3=ε.

Die Folge xn auf [0,1] zeigt, dass die Voraussetzung wesentlich ist. Der Satz ist auch der Grund dafür, dass der Raum C[a,b] der stetigen Funktionen mit dem Abstand ‖f−g‖∞ vollständig ist.

Grenzwert, Integral und Ableitung vertauschen

Beweis. Es ist |∫abfn−∫abf|≤∫ab|fn−f|≤(b−a)‖fn−f‖∞→0.

Für die Ableitung genügt gleichmäßige Konvergenz der fn nicht: fn(x)=sin(nx)n konvergiert gleichmäßig gegen 0, aber fn′(x)=cos(nx) konvergiert nicht. Es gilt dagegen: Sind die fn auf [a,b] differenzierbar, konvergiert fn(x0) für ein x0 und die Folge der Ableitungen fn′ gleichmäßig auf [a,b], so konvergiert (fn) gleichmäßig gegen eine differenzierbare Funktion f, und es gilt f′=limfn′.

Funktionenreihen und das Weierstraß-Kriterium

Eine Funktionenreihe ∑k=0∞fk(x) ist die Folge der Partialsummen sn(x)=∑k=0nfk(x). Sie konvergiert (punktweise oder gleichmäßig), wenn (sn) es tut. Für Zahlenreihen gab es das Majorantenkriterium. Das Gegenstück für Funktionen lautet:

Beweis. Für jedes x konvergiert ∑fk(x) absolut nach dem Majorantenkriterium, hat also eine Summe s(x). Der Rest erfüllt |s(x)−sn(x)|≤∑k>n|fk(x)|≤∑k>nMk, und das ist die Restsumme einer konvergenten Zahlenreihe, geht also gegen 0, unabhängig von x.

Potenzreihen und Konvergenzradius

Eine Potenzreihe hat die Form ∑k=0∞akxk (oder ∑ak(x−x0)k mit dem Entwicklungspunkt x0). Sie ist die einfachste Funktionenreihe und kommt überall vor: Exponentialfunktion, Sinus, Kosinus, Logarithmus und Taylorreihen sind Potenzreihen.

Die Formel folgt aus dem Wurzelkriterium: |akxk|k=|x||ak|k. Die Reihe konvergiert also, wenn |x|·limsupk→∞|ak|k<1 ist, und sie divergiert, wenn dieser Wert größer als 1 ist. Die gleichmäßige Konvergenz auf [−r,r] ergibt sich mit dem Weierstraß-Kriterium, denn |akxk|≤|ak|rk, und ∑|ak|rk konvergiert für r<R. Was an den Randpunkten x=±R passiert, muss man gesondert prüfen.

Konvergenzradien wichtiger Potenzreihen
ReiheRRand
∑xkk! (Exponentialfunktion)∞keiner
∑xk (geometrische Reihe)1divergiert bei ±1
∑xkk1x=−1 konvergiert, x=1 divergiert
∑xkk21konvergiert bei ±1
∑k!xk0nur bei x=0
∑kxk2k2divergiert bei ±2

Gliedweise differenzieren und integrieren

Man rechnet mit Potenzreihen also wie mit Polynomen. Das macht sie zu einem mächtigen Werkzeug.

Typische Fehler

Übungen

Geschichte: aus einem Fehler wird ein Begriff

Im 18. Jahrhundert rechnete man mit Reihen sehr großzügig. Cauchy stellte in seinem Cours d’analyse (1821) Kriterien für die Konvergenz von Zahlenreihen auf, behauptete aber auch, dass die Summe einer Reihe stetiger Funktionen stetig sei. Abel erkannte 1826 die Lücke an einem Gegenbeispiel. Bei seinem Lehrer Christoph Gudermann fand Karl Weierstraß den Begriff schon 1838 angedeutet. Er schrieb ihn 1841 in der Arbeit „Zur Theorie der Potenzreihen“ auf, die erst 1894 gedruckt wurde. Stokes bewies 1847 unabhängig, dass die Grenzfunktion bei gleichmäßiger Konvergenz stetig bleibt, und auch Seidel kam zu diesem Ergebnis. Die Formel für den Konvergenzradius veröffentlichte Cauchy 1821. Sie blieb lange wenig bekannt, bis Jacques Hadamard sie 1888 wiederentdeckte und in seiner Dissertation von 1892 aufgriff.

Häufige Fragen

Warum nicht immer gleichmäßig?

Weil viele natürliche Folgen es nicht sind, zum Beispiel xn auf [0,1]. Dann gilt oft nur ein schwächerer Satz, etwa der Satz von der dominierten Konvergenz aus der Maßtheorie, der Grenzwert und Integral auch ohne gleichmäßige Konvergenz vertauscht.

Ist jede Potenzreihe eine Taylorreihe?

Ja, im Innern des Konvergenzkreises: Die Koeffizienten sind ak=f(k)(0)k!. Umgekehrt ist nicht jede unendlich oft differenzierbare Funktion durch ihre Taylorreihe darstellbar.

Was ist der Unterschied zwischen Folge und Reihe von Funktionen?

Eine Reihe ist die Folge ihrer Partialsummen. Alles über Folgen gilt also auch für Reihen, und das Weierstraß-Kriterium ist das Majorantenkriterium dafür.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Wikipedia: Gleichmäßige Konvergenz
  • Wikipedia: Potenzreihe
  • Otto Forster: Analysis 1. Differential- und Integralrechnung einer Veränderlichen, Springer Spektrum, Wiesbaden.
  • Konrad Königsberger: Analysis 1, Springer, Berlin.
  • Augustin-Louis Cauchy: Cours d’analyse de l’École Royale Polytechnique, Paris 1821.

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