Mathematik lernen · Oberstufe
Übergangsmatrizen und Markow-Ketten
Das Wetter von morgen, der Anbieter im nächsten Monat, die Tierzahl im nächsten Jahr: Viele Prozesse springen zwischen Zuständen. Du beschreibst sie mit einer Übergangsmatrix, rechnest mehrere Schritte voraus, findest die stationäre Verteilung und löst eine Abituraufgabe.
Manche Prozesse hängen nur vom heutigen Zustand ab: Ist es heute sonnig, ist die Chance auf Sonne morgen hoch, ganz gleich, wie das Wetter vor einer Woche war. Solche Prozesse nennt man Markow-Ketten. Mit Matrizen lassen sie sich einfach berechnen. Du brauchst dazu das Multiplizieren von Matrizen und das Lösen von linearen Gleichungssystemen.
Zuerst kommt ein einfaches Beispiel mit zwei Zuständen, dann die Rechnung mit Matrix und Vektor, die stationäre Verteilung und ein Abiturbeispiel mit drei Zuständen. Zum Schluss geht es kurz um Populationsmodelle. Wahrscheinlichkeiten und Baumdiagramme werden vorausgesetzt, sie stehen bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Prozesse mit Zuständen
Ein Modell für das Wetter hat zwei Zustände: sonnig und regnerisch. Nach einer Reihe von Beobachtungen nimmt man an:
- Auf einen sonnigen Tag folgt mit 80 % wieder ein sonniger und mit 20 % ein regnerischer.
- Auf einen regnerischen Tag folgt mit 40 % ein sonniger und mit 60 % ein regnerischer.
Das sind die Übergangswahrscheinlichkeiten. Im Übergangsgraphen zeigt jeder Pfeil einen möglichen Wechsel, die Zahl am Pfeil ist die Wahrscheinlichkeit. Die Zahlen an den Pfeilen, die einen Zustand verlassen, ergeben zusammen 1.
Das Baumdiagramm zeigt, wie sich die Wahrscheinlichkeiten über zwei Tage zusammensetzen (Pfadregeln). Ist es heute sonnig, so ist es übermorgen sonnig über zwei Wege: sonnig, sonnig (0,8 · 0,8 = 0,64) oder regnerisch, sonnig (0,2 · 0,4 = 0,08). Zusammen sind das 0,72.
Diese Rechnung wird bei vielen Tagen schnell länglich. Mit einer Matrix geht es systematisch.
Die Übergangsmatrix
Schreibe die Wahrscheinlichkeiten in eine Matrix. In der ersten Zeile steht „nach sonnig“, in der zweiten „nach regnerisch“. Die erste Spalte gilt „von sonnig“, die zweite „von regnerisch“:
Jede Spalte ist eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, sie hat die Summe 1. Eine Matrix mit nicht negativen Einträgen und Spaltensumme 1 heißt stochastische Matrix.
Der Zustandsvektor enthält die Anteile oder Wahrscheinlichkeiten der Zustände nach n Tagen. Startet man an einem sonnigen Tag, ist . Den nächsten Tag liefert die Multiplikation mit der Matrix:
Das passt zum Baumdiagramm: Übermorgen ist es mit 72 % sonnig.
Mehrere Schritte
Wendest du die Matrix n Mal an, erhältst du die n-te Potenz: . Die Potenzen berechnest du mit dem Matrizenprodukt:
Die Spalten sind wieder Verteilungen. Die erste Spalte von sagt: Ist es heute sonnig, ist es in drei Tagen mit 68,8 % sonnig. Die zweite Spalte gehört zum Start „regnerisch“. Der Eintrag oben rechts, 0,624, ist die Wahrscheinlichkeit für „in drei Tagen sonnig, wenn es heute regnet“.
Langfristiges Verhalten: die stationäre Verteilung
Die Zahlen nähern sich offenbar einem festen Wert. Eine Verteilung v, die sich bei einem Schritt nicht mehr ändert, heißt stationär (oder Fixvektor):
Das ist ein lineares Gleichungssystem. Mit lautet ausgeschrieben:
Beide Gleichungen sind gleichwertig zu , also . Mit folgt . Die stationäre Verteilung ist und . Langfristig ist es an zwei Dritteln der Tage sonnig, unabhängig vom Startwert.
Der Grund steckt in den Eigenwerten. Die Gleichung sagt, dass v ein Eigenvektor zum Eigenwert 1 ist. Die Matrix hat den zweiten Eigenwert 0,4. Er bestimmt, wie schnell die Abweichung schrumpft: Der Abstand zu 2/3 wird bei jedem Schritt mit 0,4 multipliziert.
Nicht jede Kette nähert sich einer stationären Verteilung. Hilfreich ist diese Regel: Gibt es eine Potenz von A mit lauter positiven Einträgen, so gibt es genau eine stationäre Verteilung, und jede Startverteilung nähert sich ihr. Gegenbeispiele sind die Matrix, die zwei Zustände immer vertauscht (die Verteilung pendelt zwischen (1|0) und (0|1)), und Ketten mit einem Zustand, den man nie verlässt.
Populationsmodelle nach Leslie
Die gleiche Rechnung beschreibt Tierbestände nach Altersklassen. Die erste Zeile der Leslie-Matrix enthält die Fortpflanzungsraten, die Nebendiagonale die Überlebensanteile von einer Klasse zur nächsten. Patrick H. Leslie führte sie 1945 ein. Die Spaltensummen sind hier nicht 1, denn es werden Tiere geboren und sterben.
| Jahr | Jung | Mittel | Alt | zusammen |
|---|---|---|---|---|
| 0 | 100 | 60 | 20 | 180 |
| 1 | 140 | 50 | 24 | 214 |
| 2 | 124 | 70 | 20 | 214 |
| 3 | 160 | 62 | 28 | 250 |
| 4 | 152 | 80 | 24,8 | 256,8 |
Der Bestand wächst nicht gleichmäßig, aber im Mittel um den Faktor pro Jahr. Das ist der größte Eigenwert von L, die Lösung von .
Abituraufgabe: Anbieterwechsel
So könnte eine Aufgabe im Abitur aussehen. Versuche sie zuerst selbst.
Typische Fehler
Übungen
Geschichte: Markow, Onegin und PageRank
Andrei Andrejewitsch Markow (1856 bis 1922) war Mathematiker in St. Petersburg und Schüler von Pafnuti Tschebyschow. Er wollte zeigen, dass das Gesetz der großen Zahlen auch gilt, wenn die Ergebnisse nicht unabhängig sind. Dazu untersuchte er Ketten von Zuständen, bei denen jeder Zustand nur vom vorigen abhängt. 1913 wandte er das auf die Buchstabenfolgen in Puschkins Versroman Eugen Onegin an.
Eine Matrix für Altersklassen führte Patrick H. Leslie 1945 in der Zeitschrift Biometrika ein. Heute stecken Markow-Ketten in vielen Anwendungen: in der Bewertung von Webseiten (PageRank, siehe PageRank), in der Warteschlangentheorie, in der Spracherkennung und in Versicherungsmodellen.
Häufige Fragen
Muss die Spaltensumme oder die Zeilensumme 1 sein?
Das hängt von der Schreibweise ab. Bei „Matrix mal Spaltenvektor“ muss jede Spalte die Summe 1 haben. Bei „Zeilenvektor mal Matrix“ gilt es für die Zeilen. Wichtig ist, dass du in einer Aufgabe bei einer Schreibweise bleibst.
Warum nähern sich die Verteilungen einem festen Wert?
Weil der zweite Eigenwert kleiner als 1 ist. Die Abweichung von der stationären Verteilung wird bei jedem Schritt mit diesem Faktor multipliziert und schrumpft. Das gilt, wenn die Matrix „positiv genug“ ist, etwa wenn eine Potenz nur positive Einträge hat.
Wozu brauche ich Markow-Ketten im Alltag?
Sie beschreiben Wechselverhalten, zum Beispiel von Kunden zwischen Anbietern, von Wetterlagen, von Besuchern zwischen Webseiten oder von Beständen zwischen Altersklassen. Mit der stationären Verteilung kannst du langfristige Anteile abschätzen.
Kommt die stationäre Verteilung im Abitur vor?
Ja, in vielen Ländern ist sie ein typischer Teil von Aufgaben zur Matrizenrechnung oder zur Stochastik. Übung macht hier sicher: Matrix aufstellen, ein bis zwei Schritte rechnen, stationäre Verteilung mit dem Gleichungssystem bestimmen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Patrick H. Leslie: On the use of matrices in certain population mathematics. Biometrika, 1945.
- Wikipedia: Markow-Kette
- Wikipedia: Übergangsmatrix
- Wikipedia: Leslie-Matrix

