Numerische Eigenwertverfahren: Potenzmethode und QR-Verfahren
Das charakteristische Polynom taugt nur für kleine Matrizen. Für große berechnet man Eigenwerte iterativ. Du lernst die Potenzmethode, den Rayleigh-Quotienten, die inverse Iteration, die Gerschgorin-Kreise und das QR-Verfahren.
Auf der Seite Eigenwerte und Eigenvektoren bestimmst du Eigenwerte als Nullstellen des charakteristischen Polynoms . Das funktioniert für - und -Matrizen von Hand. Für große Matrizen ist es keine Option: Das Aufstellen des Polynoms ist teuer, seine Nullstellen reagieren extrem empfindlich auf kleine Fehler in den Koeffizienten, und ab Grad 5 gibt es nach dem Satz von Abel und Ruffini keine allgemeine Lösungsformel mit Wurzeln. Praktische Verfahren arbeiten deshalb direkt mit der Matrix und erzeugen die Eigenwerte als Grenzwert einer Iteration.
Diese Seite stellt die wichtigsten Verfahren vor: Die Potenzmethode findet den betragsgrößten Eigenwert, die inverse Iteration einen beliebigen, die Gerschgorin-Kreise liefern Schranken, und das QR-Verfahren berechnet alle Eigenwerte. Sie bauen auf Skalarprodukt und Orthogonalität (QR-Zerlegung, Spektralsatz) und Numerische Lineare Algebra auf.
Die Potenzmethode
Die Idee ist so einfach wie wirksam: Multipliziert man einen Vektor immer wieder mit , setzt sich die Richtung des stärksten Eigenvektors durch, so wie bei einer Folge von Zahlen die größte Wachstumsrate gewinnt.
Beweis. Es ist . Wegen gehen alle Terme der Summe gegen 0, am langsamsten der zu . Die Normierung ändert nur die Länge, nicht die Richtung.
Die Potenzmethode braucht pro Schritt nur ein Matrix-Vektor-Produkt, ist also für sehr große dünnbesetzte Matrizen geeignet. Ihre Nachteile: Sie liefert nur den betragsgrößten Eigenwert, und sie ist langsam, wenn nahe bei liegt. Bei braucht man etwa 230 Schritte für den Fehlerabfall um den Faktor 10. Gilt (zum Beispiel ), konvergiert das Verfahren nicht. Ist , bleibt es theoretisch bei den anderen Eigenvektoren hängen, im Rechner schaffen es die Rundungsfehler aber meist, wieder zuzulassen.
Der Rayleigh-Quotient
Für eine Näherung eines Eigenvektors ist der Eigenwert am besten durch den Rayleigh-Quotienten angenähert: Er minimiert über alle . Ist ein exakter Eigenvektor, gilt .
Beweis. Mit dem Spektralsatz ist und . Für den Fehler gilt . Ist der Winkel zwischen und von der Größe , sind die mit von der Größe und ihre Quadrate von der Größe .
Das zeigt die Tabelle: Der Vektor verbessert sich pro Schritt um den Faktor , der Rayleigh-Quotient um den Faktor . Aus dem Fehler nach Schritt 1 wird , dann , dann .
Inverse Iteration
Hat die Eigenwerte , so hat die Eigenwerte zu denselben Eigenvektoren (für kein Eigenwert). Der betragsgrößte unter ihnen gehört zu dem , das am nächsten liegt. Wendet man die Potenzmethode auf an, findet man genau diesen Eigenwert. In jedem Schritt löst man das System mit einer einmal berechneten LR-Zerlegung (siehe Numerische Lineare Algebra).
Gerschgorin-Kreise
Bevor man iteriert, möchte man wissen, wo die Eigenwerte liegen. Dafür genügt ein Blick auf die Einträge.
Beweis. Sei mit und maximal. Die -te Gleichung lautet . Nimmt man Beträge und teilt durch , folgt .
Das QR-Verfahren
Alle Eigenwerte gleichzeitig berechnet das QR-Verfahren. Es nutzt die QR-Zerlegung mit einer orthogonalen Matrix und einer oberen Dreiecksmatrix (Gram-Schmidt, siehe Skalarprodukt und Orthogonalität).
Die Ähnlichkeit folgt aus , also . Das Verfahren ist eine Potenzmethode für alle Eigenvektoren zugleich, die Spalten von halten sie orthogonal. Bei symmetrischen Matrizen strebt gegen eine Diagonalmatrix.
In der Praxis wird das Verfahren stark beschleunigt. Man bringt zuerst durch Ähnlichkeitstransformationen auf Hessenberg-Form (bei symmetrischen Matrizen auf Tridiagonalform), was jeden Schritt billiger macht. Mit Shifts, also der Zerlegung von , konvergiert das Verfahren quadratisch oder sogar kubisch. Hat die Matrix komplexe Eigenwerte, bleiben im reellen Verfahren -Blöcke auf der Diagonale. Das ist der Standardalgorithmus in numerischen Bibliotheken und in der Eigenwertfunktion von MATLAB und NumPy.
Typische Fehler
Übungen
Geschichte: von der Mechanik zur Suchmaschine
Die Potenzmethode wird meist Richard von Mises und Hilda Pollaczek-Geiringer zugeschrieben, die 1929 in einem Beitrag über „Praktische Verfahren der Gleichungsauflösung“ Verfahren zur Berechnung von Eigenwerten und Eigenvektoren darstellten. Vorläufer gab es in der Mechanik, wo Schwingungsfrequenzen von Bauwerken iterativ bestimmt wurden (Vianello 1898, Stodola 1904). Die Gerschgorin-Kreise stammen aus einer Arbeit von Semjon Aronowitsch Gerschgorin von 1931. Heinz Rutishauser entwickelte 1958 den LR-Algorithmus, aus dem John Francis und Vera Kublanovskaya 1961/1962 das stabile QR-Verfahren machten. Die Potenzmethode ist auch der Kern von PageRank, dem ursprünglichen Rangordnungsverfahren der Suchmaschine Google.
Häufige Fragen
Wie berechnet ein Programm Eigenwerte?
Fast immer mit dem QR-Verfahren in verbesserter Form (Hessenberg-Reduktion, Shifts). Die Potenzmethode und ihre Verwandten (Lanczos, Arnoldi) verwendet man, wenn die Matrix riesig und dünnbesetzt ist und man nur wenige Eigenwerte braucht.
Warum konvergiert die Potenzmethode so langsam?
Weil die Rate bei dicht beieinanderliegenden Eigenwerten nahe 1 ist. Mit einem Shift oder mit der inversen Iteration lässt sich das beheben.
Wozu braucht man Eigenwerte in der Praxis?
Für Schwingungen von Brücken und Molekülen, für die Stabilität von Differentialgleichungssystemen, für die Hauptkomponentenanalyse in der Statistik, für Suchmaschinen und für Bildkompression (Singulärwertzerlegung).
Lloyd N. Trefethen, David Bau: Numerical Linear Algebra, SIAM, Philadelphia.
Gene H. Golub, Charles F. Van Loan: Matrix Computations, Johns Hopkins University Press, Baltimore.
Richard von Mises, Hilda Pollaczek-Geiringer: Praktische Verfahren der Gleichungsauflösung, Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Mechanik 9 (1929).